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	<title>Kaiserreich &#8211; Ute Gerhard</title>
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	<description>Soziologin, Juristin, Professorin emerita</description>
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		<title>„In den Brüchen der Zeit&#8230;“ 100 Jahre Frauenstudien an der Universität Frankfurt am Main</title>
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		<dc:creator><![CDATA[SuperAdministrator]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2020 11:52:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aufsätze]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>Festvortrag auf der interdisziplinären Konferenz „Ausschließende Einschließung? 100 Jahre Frauen und Wissenschaft</strong> an der Goethe-Universität Frankfurt am Main“ des Cornelia Goethe Centrums anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Universitätsgründung.<br><br><br>
<i>In den Brüchen der Zeit...</i> ist das Zitat eines Titels der Zeitschrift  Feministische Studien, die im Jahr 1982 mit ihrer ersten Nummer erschien und deren Redaktion ich das Glück hatte anzugehören – und zwar im debattierfreudigen Kreis einer Reihe von Wissenschaftlerinnen, von denen mehrere wenig später die erste Generation der Frauenprofessuren in der BRD besetzen sollten]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div style="float:left;"><img decoding="async" class="wp-image-21" style="width: 440px; margin-right: 20px;" src="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/AusschliessendeEinschliessung.png" alt="In den Brüchen der Zeit"></div>
<div><p><strong>Festvortrag auf der interdisziplinären Konferenz „Ausschließende Einschließung? 100 Jahre Frauen und Wissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main“ des Cornelia Goethe Centrums, die anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Universitätsgründung stattfand.</strong> </p>
<p>
In:  Marion Keller/Marianne Schmidbauer/Ulla Wischermann (Hg.), Ausschließende Einschließung?!, CGC online papers 1/2017, S. 7-20, 
</p>
<p><br>
<i>In den Brüchen der Zeit&#8230;</i> ist das Zitat eines Titels der Zeitschrift  Feministische Studien, die im Jahr 1982 mit ihrer ersten Nummer erschien und deren Redaktion ich das Glück hatte anzugehören – und zwar im debattierfreudigen Kreis einer Reihe von Wissenschaftlerinnen, von denen mehrere wenig später die erste Generation der Frauenprofessuren in der BRD besetzen sollten. Die Redaktionssitzungen fanden regelmäßig im Institut für Sozialforschung statt, ein Gastrecht, das Ludwig von Friedeburg freundlich gewährte und zu dem Christel Eckart die Schlüsselgewalt innehatte. Für mich waren die Feministischen Studien damals der Drehpunkt feministischen Theoretisierens und der Vergewisserung, dass es möglich wäre, aus kritischer Distanz die mit der neuen Frauenbewegung erneut aufgeworfenen Probleme in den Geschlechterverhältnissen in den Wissenschaft en zum Thema zu machen. Wie ambivalent und wie kühn den Beteiligten dieses Vorhaben erschien, wird an manch vorsichtiger und zugleich programmatischer Formulierung in der ersten Nummer deutlich, wenn es darum ging, „Spurensicherung der Zeiten von Frauen“ zu treiben bzw. zu fragen, „wo und wie Frauen in den verschiedenen Schichten gesellschaftlich anerkannter Zeiten eingepasst oder aus ihnen ausgegrenzt“ wurden (Woesler de Panafieu 1982: 5). Die Rede war vom „Aufbruch aus männlicher Zeit“, vom Ernstnehmen der Erfahrungen von Frauen, von sexistischer Arbeitsteilung, von „Hausarbeit und Industriearbeit“ (ebd.), &#8211; Begriffe und Konzepte, die die Geschlechterforschung bis heute profilieren.<br>Mein Blick über die 100 Jahre Frauenstudien an der Universität Frankfurt ist durch diese Standortbestimmung „zwischen den Zeiten“ geprägt. Und welche Beschreibung der Geschichte von studierenden Frauen oder Wissenschaftlerinnen im so dramatischen 20. Jahrhundert würde besser passen als der Titel „In den Brüchen der Zeit“? Es ist eine Geschichte der Aufbrüche und jähen Abbrüche, der Zulassung und der Vertreibung, des Ein- und Ausschlusses, von Geschichtsverlusts und der doch immer wieder neuen Chancen und „Gelegenheitsstrukturen“. </p>
<p>
<a href="http://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/In_den_Bruechen_Gerhard_s.pdf#zoom=Fit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Weiterlesen im PDF</a></p>
	</div>
<!--<div><p>
Was aus heutiger Sicht – schauen wir nur auf die Zahlen studierender und lehrender Frauen an der Goethe-Universität – auf den ersten Blick als Erfolgsgeschichte zu behandeln wäre, ist wesentlich komplizierter, nicht gradlinig und nur im Kontext der durch zwei Weltkriege, Vertreibung und politische Umwälzungen gezeichneten Geschichte zu erforschen und – wenn überhaupt – zu verstehen.</p>
<p>Mein Beitrag zur Konferenz kann vorerst nur eine vorsichtige und unvollständige Annäherung sein, die lediglich den Rahmen absteckt zu einem oder mehreren Forschungsprojekten, die der Universität gut anstehen würden. Bisher gibt es interessante Einzelarbeiten zu einzelnen Wissenschaftlerinnen oder Gruppen – und es gibt ein der Thematik gegenüber aufgeschlossenes Universitätsarchiv. Die Ausstel-lung und die dazu gehörende anschauliche Veröffentlichung „Einzeln & Gemeinsam. 100 Jahre starke Frauen an der Goethe-Universität“ haben Vorarbeit geleistet, auch indem sie nicht nur Professorinnen oder prominente Studentinnen dem Vergessen entrissen, sondern auch Stifterinnen und „sonstige“ Mitarbeiterinnen in die Sammlung „starker Frauen“ aufgenommen haben. Auch ich habe dadurch erst viele kennengelernt und frage mich, warum wir nicht früher über solch ein großes Forschungsprojekt nachgedacht haben. Aber da war zu viel gleichzeitig zu tun. Bisher sind selbst die verfügbaren Daten und Zahlen ein Torso. Ein Beispiel für die großen Lücken zur Frauengeschichte, aber vor allem auch für ein rein männlich konstruiertes und beherrschtes Wissenschaftssystem ist die aus Anlass des 75jährigen Bestehens der Universität von Notker Hammerstein in zwei dicken Bänden herausgegebenen Geschichte der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Akribisch werden da alle Professoren und ihre Berufungsverfahren, ihre wissenschaftlichen Meriten und Netzwerke bis 1972 vorgestellt – und genau diese sind jeweils Musterbeispiele des ‚male bonding‘ einer Profession. Verdienstvoll ist zweifellos die besondere Aufmerksamkeit für die Verstrickungen des Lehrkörpers im Nationalsozialismus und die Schwierigkeiten des Wiederanfangs in der Nachkriegszeit. Doch allein im Namensregister werden unter jeweils 800 bis 900 Personen weniger als 2 Prozent Frauen genannt (13 Frauen, 18 Nennungen insgesamt) und selbst darunter sind schon die Stifterinnen oder auch Schwiegermütter der Professoren wie Ricarda Huch mitgezählt (Hammerstein 1989; 2012). Ist das eine bis 1972 zu akzeptierende historische Realität, frage ich, oder nur ein Problem der Wahrnehmung? Hätte man die Fehlstelle dann nicht wenigstens thematisieren müssen?</p>
<p>Mein Überblick bleibt kursorisch und vorläufig und kann auf dieser Konferenz in mancher Hinsicht von anderen ergänzt werden. Ich habe versucht, den Jahrhundert-Stoff zu organisieren und teile ihn hierzu in vier historische Phasen ein, die keineswegs nur Frauenzeiten abbilden, sondern ziemlich genau dem Takt der politischen Umbrüche und Abbrüche im deutschen 20. Jahrhundert folgen:
</p>
<p><ol><li style="margin: 0 0 5px 0;">Die Phase zwischen der Universitätsgründung 1914 bis 1932/33, die im Blick auf das Frauenstudium  als  vielversprechender  Aufbruch, nachholende Teilhabe um den Preis „erzwungener Anpassung“ (Margarete Treuge 1912, zit. n. Schlüter 1983: 249) zu kennzeichnen wäre.</li><li style="margin: 0 0 5px 0;">Der Ausschluss und die Vertreibung von Frauen, insbesondere der verhältnismäßig vielen jüdischen Studentinnen und  Wissenschaftlerinnen zwischen 1933-1945.</li><li style="margin: 0 0 5px 0;">Der  Wiederbeginn  nach  1945  ohne  verantwortliche  Beteiligung von Wissenschaft lerinnen; nicht nur frauenpolitisch eine Zeit der Restauration, des Verdrängens und Vergessens sowie nicht gelungener Wiedergutmachung.</li><li style="margin: 0 0 5px 0;">  Seit den 1970er Jahren der Beginn und Hindernisparcours der Frauen- und Geschlechterforschung im Schwung der neuen Frauenbewegung und eines neuen Frauenbewusstseins.</li><li style="margin: 0 0 5px 0;">Wo wir heute stehen, wird allenfalls zu einem Ausblick reichen.</li></ol></p>
<p><br>
<strong>Zwischen 1914 und 1932/33: Aufbruch, nachholende Teilhabe und Anpassung</strong><br>618 Studierende haben sich im ersten Semester, dem Wintersemester 1914/15 in der neu gegründeten Universität in Frankfurt eingeschrieben, davon waren 100 Frauen.<sup>1</sup> Das ist ein Anteil von mehr als 10 Prozent, der 1915 bereits auf 15 Prozent stieg. Im Vergleich dazu betrug der Anteil der Frauen an allen deutschen Universitäten im WS 1913/14 nur 6 Prozent und erreichte erst im WS 1919/20 etwas mehr als 10 Prozent (vgl. Boedeker 1939: XLIX). Die verhältnismäßig große Zahl von Studentinnen in Frankfurt erklärt sich aus dem hohen Anteil wohlhabender, liberaler jüdischer Mitbürger, denen nicht zuletzt die junge Stiftungsuniversität Frankfurt ihre Existenz verdankt und für die Mädchen- und Frauenbildung selbstverständlich, weil Bestandteil der nicht-traditionellen, spezifisch jüdischen Kultur war (vgl. hierzu die Thesen von Huerkamp 1994: 90f.). Der im Stiftungsvertrag ausgehandelten Zusicherung, dass jüdische Gelehrte gleichberechtigt zum Zuge kommen sollten und „nicht systematisch zurückgesetzt“ würden (Hammerstein 1989: 25), ist somit auch zuzuschreiben, dass auch die Zahl jüdischer Studierender in Frankfurt bis 1933 mehr als doppelt so hoch war wie im Reichsdurchschnitt (9,6 zu 4,3 Prozent) (Stuchlik 1984: 45). Interessant ist ferner die soziale Schichtung der Studierenden in Frankfurt. Danach kamen  40 % der Studentinnen aus dem Bildungsbürgertum gegenüber nur 20 % bei den Studenten (Huerkamp 1994: 88).<sup>2</sup>
</p>
<p>Was aber erwartete die Frauen 1914 an der Universität und was haben sie selbst erwartet und studiert? Erinnern wir uns kurz: Erst seit 1908 waren Frauen in Preußen und anderen deutschen Staaten offi ziell zum Studium an deutschen Universitäten zugelassen worden. Davor durften sie lediglich aufgrund persönlicher Erlaubnis des jeweiligen Professors an Seminaren teilnehmen, haben (nach Studien im Ausland oder im Selbststudium) hier Prüfungen abgelegt und ihre soziale oder pädagogische Arbeit zur Profession gemacht und auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt. Aber selbst wenn sie als Ausnahmefrauen oder Pionierinnen empirischer Sozialforschung wissenschaftliche Anerkennung erfuhren, promoviert wurden, war ihnen eine akademische Laufbahn versagt, ja, stand selbst dann gar nicht zur Debatte, nachdem 1920 Frauen das Habilitationsrecht eingeräumt war (Häntzschel 2011). </p>
<p>
Für ein der Universitätsgründung naheliegendes Beispiel steht Rosa Kempf, die mit ihrer Dissertation „Das Leben der jungen Fabrikmädchen“ (1911) im Rahmen der von Alfred und Max Weber im Verein für Sozialpolitik groß angelegten „Untersuchungen über Auslese und Anpassung der Arbeiter in verschiedenen Zweigen der Großindustrie“ große Anerkennung erfuhr. Sie wurde 1917 Gründungsdirektorin des „Frauenseminars für soziale Berufsarbeit“, das vom „Verein für Gemeinwohl“ und Wilhelm Merton getragen den Grundstein zur heuten Hochschule für Sozialarbeit in Frankfurt legte. Nach verschiedenen Stationen als Dozentin auch in Frankfurt erhielt sie wie viele Leiterinnen sozialer Frauenschulen 1933 Berufsverbot. Sie starb 1948 in Frankfurt (vgl. Gerhard 2011; Keller 2014).</p>
<p>
Die im internationalen Vergleich auffällige Verspätung und Jahrzehntelange Verhinderung der gleichen Bildungschancen von Frauen in Deutschland – trotz der gerade in dieser Hinsicht so aktiven bürgerlichen Frauenbewegung – wird in der Bildungsforschung mit dem hohen Sozialprestige der akademischen Berufe und der Ordinarien-Universität als Zugangsschleuse für sozialen Aufstieg begründet. Gegenüber ständischen Privilegien hatte sich damit das Bürgertum ein staatlich reguliertes Berechtigungswesen und eine Beschäftigungsgarantie geschaffen, die noch um die Wende zum 20. Jahrhundert mit den denkbar absurdesten, angeblich wissenschaftlichen Argumenten gegen weibliche Konkurrenz verteidigt wurde (z.B. Kirchhoff1897; vgl. die vielfälti ge Literatur zu dieser Frage, z. B. Schmidt-Harzbach 1981; Schlüter 1986). Was und warum studierten also die Frauen, wenn ihnen doch der Weg in die wissenschaftliche Laufb ahn an der Universität versperrt war, ihnen der Wissenschaftsbetrieb als frauenfreie Zone, ja, als männliche Kultur mit traditionell ausgeprägtem Korpsgeist gegenübertrat? Haben sich die ersten Studentinnen den vorgegebenen männlichen Normen und traditionellen Mustern angepasst? Auf dem Frauenkongress 1912 in Berlin hatte Margarete Treuge in ihrem Referat über die akademischen Berufe für Frauen warnend darauf hingewiesen, dass „die erzwungene Anpassung an die männliche Geisteskultur“ sie von eigenen schöpferischen Leistungen abhalte, es „eigentliche Berufe der Frauen (in der Wissenschaft ) nicht gibt, es gibt nur erst eine praktische Verwendbarkeit der akademischen Studien.“ (Treuge, zit. n. Schlüter  1983: 249/48).</p>
<p>
Aus der Berufsperspektive für Ärztinnen und Studienrätinnen erklärt sich, warum Frauen gleichbleibend vorwiegend in Medizin und den philologischen Fächern überrepräsentiert waren (vgl. Boedeker 1939: XLIX). In Frankfurt kommt eine Besonderheit hinzu, die sog. 5. Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (WiSo-Fakultät), die aus der „Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften“ (seit 1901) hervorgegangen war und gestützt durch die 1921 gegründete „Akademie der Arbeit“ und nicht zuletzt durch das 1924 gegründete „Institut für Sozialwissenschaften“ (IfS) eine den Probleme der modernen Industriegesellschaft zugewandte und zugleich kritische Ausrichtung und Schwerpunktsetzung erfuhr. Die WiSo-Fakultät in Frankfurt entwickelte sich daher in den 1920er Jahren zur am stärksten frequentierten Fakultät (1923/24 mit 57,6 Prozent der Studierenden). Wenn wir uns das Lehrangebot mit den Fächern Volkswirtschaftslehre und Wohlfahrtspflege, BWL und Statistik sowie Soziologie und Fürsorgewesen, schließlich Wirtschaftsgeschichte anschauen, wird offensichtlich, dass hier insbesondere auch die Forschungs- und Berufsinteressen von Frauen – bei  einem Anteil von etwa 8 Prozent Frauen<sup>3</sup> - angesprochen waren. Dies wird allein dadurch belegt, dass an der WiSo-Fakultät in Frankfurt zwischen 1919 und 1933   101 Frauen promoviert haben<sup>4</sup> – zu sozialen und sozialpolitischen Themen, immer wieder auch zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau (z.B. Hanna Hellinger 1921, Paula Ridder 1920, Gertrud Laqueur 1922, Milli Nötting-Sebald 1923, Margarete Thomas 1924 oder z.B. Hilde Weiss bei Carl Grünberg, dem Leiter des Instituts für Sozialforschung (IfS), 1927.) </p>
<p>
Angesichts dieser Zahlen ist zu fragen, inwieweit es sich hier bereits um Frauenforschung oder aus dem Geist der ‚alten‘ Frauenbewegung geborene und auf die Emanzipation der Frau gerichtete Beiträge gehandelt hat. Die Frauenbewegung war in den 1920er Jahren in ihrem Personal und ihrer Organisationsweise erkennbar alt geworden. Tatsächlich kommen uns heute der in den Veröffentlichungen des „Bundes deutscher Frauenvereine“ oder der Zeitschrift „Die Studentin“ viel diskutierte „Generationenkonflikt“ bekannt vor (Gerhard 2006). Beklagten die Vertreterinnen der historischen Frauenbewegung, dass die Jüngeren die Errungenschaften der Frauenbewegung nicht zu schätzen wüssten, ihren Organisationen fernbleibe, so kritisierten die Jungen den „Ton der Rechtelei“, eine „Kampfesweise“, die allzu sehr den „Gegensatz der Geschlechter“ betone (vgl. auch Stoehr 1986; Gerhard 1990). Sie bevorzugten die „kameradschaftliche Zusammenarbeit mit dem Manne“ in Gewerkschaften, in der Jugendbewegung oder Bünden wie dem Jungdeutschen Orden, oder übten sich gar in der Nachahmung studentischer Verbindungen für Frauen. In Frankfurt wurde hierzu die Verbindung „Irmingard“ gegründet mit einer Kleiderordnung aus Samtmützen und entsprechenden Gewändern und der Einteilung in Füchse und Lehrlinge, etc. (Stuchlik 1984: 46).</p>
<p>
Doch um keinen falschen Akzent zu setzen, ist zu betonen, dass sich die Frankfurter Universität durch die geringe Bedeutung und Zahl korporierter Studenten auszeichnete, zum einen, weil es an der jungen Universität in dieser Hinsicht keine Traditionen gab, zum anderen wird hervorgehoben, dass das politische liberal-bürgerliche Klima der Stadt dem entgegenstand. Die Universität galt unter Zeitgenossen als „Arbeitsuniversität“, (Stuchlik 1984: 42/44; vgl. auch Maaser 2004 b: 85), die wegen der großen Zahl Auswärtiger oder Pendler keine Zeit für ein geselliges Studentenleben etwa in den Burschenschaften ließ (Maaser 2004 b: 85). Anziehungspunkt war die Frankfurter Universität durch eine Reihe faszinierender Lehrer, die durchaus Frauen bis zu ihrer Promotion förderten. Zu diesen Geförderten gehörten (vgl. auch Lutz/ Schmidbaur/ Specht-Ronique/ Wolde (Hg.) 2014):</p>

<p>
<div style="float:left;"><img decoding="async" style="width: 140px; margin: 0 30px 15px 0;" src="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/Emmy_Klienberger-Nobel.png" alt=""></div>

<ul><li style="margin: 0px 0 10px 0px;">Die Bakteriologin <strong>Emmy  Klieneberger-Nobel</strong>. Sie hatte bereits 1917 in Frankfurt in Botanik promoviert und war 1930 als erste Frau an der Universität Frankfurt  habilitiert worden. Ihr Förderer war Max Neisser, der Direktor des Hygiene-Instituts, der in Frankfurt für sie keinen Zweitgutachter fand und der selbst 1933 entlassen und dem 1936 die Lehrbefugnis entzogen wurde. Auch Klieneberger-Nobel wurde unmittelbar nach 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis entzogen. Sie emigrierte nach London, wo sie eine Forschungsstelle am Lister Institut für Präventive Medizin erhielt.</li></ul></p>

<p>
<div style="float:right;"><img decoding="async" style="width: 220px; margin: 0 0 20px 22px;" src="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/Olga_Taussky-Todd_Ruth_Moufang.png" alt=""></div>

<ul><li style="margin: 0 0 10px 0;">Die Mathematikerin <strong>Ruth Moufang</strong> (im Bild rechts neben Olga Taussky-Todd) hat 1930 bei Max Dehn promoviert und wurde 1936 im Fach Mathematik habilitiert. Ihr wurde aufgrund ihres Geschlechts die Lehrbefugnis versagt. Sie verließ deshalb die Universität, arbeitete in der Forschung der Firma Krupp, kehrte nach Kriegsende an die Frankfurter Universität zurück, wurde jedoch erst 1957 auf einen ordentlichen Lehrstuhl berufen.</li></ul></p>
<p>
<div style="float:left;"><img decoding="async" style="width: 140px; margin-right: 30px;" src="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/Tilly_Edinger-e1604587401934.png" alt=""></div>
<ul><li style="margin: 0 0 10px 0;">Die Paläontologin <strong>Ottilie (Tilly) Edinger</strong>, Tochter des Professors für Neurologie Ludwig Edinger und der Feministin Anna Edinger, der Sozialreformerin, Begründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) in Frankfurt und prominenten Vertreterin im Bund Deutscher Frauenvereine (BDF und International Council of Women (ICW) sowie überzeugten und aktiven Pazifistin (vgl. Klausmann 1997: 55f., 68f., 331ff .). Tilly hatte bereits 1921 bei Fritz Drevermann über das „fossile Gehirn“ promoviert und arbeitete von 1921 bis 1938 ehrenamtlich am Senckenberg-Museum. Nach den  Novemberprogromen von 1938 emigrierte sie über London in die USA, wo sie an der Harvard-Universität weiter arbeiten konnte. Sie gilt als Begründerin eines neuen Wissenschaftszweiges, der Paläoneurologie – ein Beispiel dafür, wie innovativ Frauen waren und mit neuen interdisziplinären Perspektiven sog. Grenzwissenschaften (Elga Kern,  zit. n. Schlüter  1983: 254) begründeten. </li></ul></p>
<p style="clear:both;"><br>
Dies sind nur wenige Beispiele exzellenter Wissenschaftlerinnen, deren vielversprechende wissenschaftliche Karrieren mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland ein jähes Ende fanden, gerade zu einem Zeitpunkt, als Aufbruch angesagt war und Frauen in den Wissenschaften hätten Fuß fassen können. So verzeichnet die Statistik gerade in den Jahren 1931/32 einen Höhepunkt in der Zahl weiblicher Studierender. In diesem Kontext ist insbesondere die Gruppe von Doktorandinnen im Fach Soziologie zu erwähnen, die sich Ende der 1920er Jahre um einen der ersten Lehrstühle für Soziologie von Karl Mannheim und seinen Assistenten Norbert Elias scharten. Claudia Honegger hat mit ihren Recherchen und in verschiedenen Aufsätzen endlich diese ersten außergewöhnlichen Soziologinnen dem Vergessen entrissen (vgl. Honegger 1990; 1994; vgl. auch Kettler/Meja 1993; sowie Herrschaft/Lichtblau 2010). Faszinierend für die Studentinnen war Mannheims wissenssoziologischer Ansatz, weil er die Standortgebundenheit aller Ideologien, Diskurse und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Ausgangspunkt kritischer Gesellschaftsanalyse gemacht hat und damit anderen ‚Wahrheiten‘ und Perspektiven des Denkens je nach historischem und sozialem Kontext Raum gab, auch den Lebenszusammenhängen und Erfahrungen von Frauen. </p>
<p>
„Dass sich die Soziologie, wie sie Professor Mannheim vertrat, als Forschung vom Leben leiten ließ und nicht umgekehrt, machte sie mir so ungeheuer reizvoll“, schrieb <strong>Margarete Freudenthal</strong> in ihrem autobiographischen Rückblick (Sallis-Freudenthal 1977: 106). Die verwitwete Professorengattin, Hausfrau und Mutter schrieb daher eine historisch-soziologische Studie über „Gestaltwandel der städtischen, bürgerlichen und proletarischen Hauswirtschaft zwischen 1760 und 1910“, die noch 1934 nach der Entlassung Mannheims als Promotion zugelassen wurde (Freudenthal 1986 [zuerst 1934]). Der bereits mit empirischen Analysen zur Gegenwart vorbereitete 2. Teil für eine Habilitation konnte nie fertiggestellt werden. Freudenthal floh 1934 nach Palästina und wirkte von da an sehr aktiv am Aufbau des israelischen Staates mit (vgl. Sallis-Freudenthal 1982). </p>
<p>
Auch die anderen Dissertationsthemen aus dieser Gruppe waren Analysen zu Bereichen, die die Doktorandinnen aus eigener Erfahrung kannten: Die Photographin <strong>Gisela Freund</strong> schrieb über die gesellschaftlichen Ursprünge der Photographie im 19. Jahrhundert, die Schauspielerin <strong>Ilse Seglow</strong> eine Analyse der Theatergesellschaft, die Wohlfahrtspflegerin <strong>Käthe Truhel</strong> eine soziologische Analyse der Fürsorgerinnen und die aus einer russischen Emigrantenfamilie stammende Nina Rubinstein zu Französischer Emigration nach 1789.<sup>5</sup> Bis auf die Arbeiten von Truhel und <strong>Frieda Haussig</strong><sup>6</sup> sowie <strong>Natalie Halperin</strong><sup>7</sup>, die noch in Frankfurt abgeschlossen wurden, mussten doch alle diese klugen Frauen ihre methodisch wie inhaltlich wegweisenden Frauenforschungsarbeiten abbrechen und emigrieren, um dort mühsam ihre Existenz zu sichern. Ich kann in Anbetracht dessen nur in unendliche Trauer darüber einstimmen und mit Claudia Honegger fragen: „Was wäre gewesen, wenn einige dieser hochbegabten Frauen tatsächlich Soziologinnen geworden wären ... und wir sie in den 60ern und 70ern noch hier als Lehrende erlebt hätten?“ (Honegger 1990: 89)</p>

<p><br><strong>Ausschluss und Vertreibung zwischen 1933-1945</strong><br>Mit diesen Hinweisen aber bin ich längst im zweiten Abschnitt  angekommen, dem Ausschluss und der Vertreibung von Frauen von der Universität nach 1933. Aufgrund des Gesetzes – mit dem verlogenen Titel – zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurden an der Frankfurter Universität sofort 109 Hochschullehrer wegen ‚nicht arischer Abstammung‘ und 16 wegen politischer Unzuverlässigkeit (als Anhänger der KPD, SPD und sozialistischer Splitterparteien) „beurlaubt“, d.h. entlassen. Bei insgesamt 355 Lehrpersonen war dies etwas mehr als ein Drittel aller Frankfurter Professoren und Dozenten (Hammerstein 1989: 220). Darüber hinaus waren nicht nur die beamteten Professoren und DozentInnen betroffen – sondern auch alle nicht beamteten AssistentInnen, Laborantinnen etc. Das betraf insbesondere auch die WiSo-Fakultät, galt doch die Soziologie als eine „jüdische Wissenschaft“, bzw. als „Hochburg jüdischer Frechheit und marxistischer Unverschämtheit“ (Flugblatt  der NSDStB, zit. n. Stuchlik 1984: 64 und 73). Bereits im März 1933 war das Institut für Sozialforschung durch eine Abteilung der Polizei verschlossen und versiegelt worden (Hammerstein 1989: 192), kurz darauf die Akademie der Arbeit. Im Nachhinein wird immer wieder verwundert festgestellt, wie wenig diesen Maßnahmen von Kollegen widersprochen wurde und wie geräuschlos die Umsetzung des Gesetzes vonstattenging (ebd.: 179; vgl. auch Maaser 2004a: 46). Das Gesetz diente schließlich auch dazu, alle führenden oder leitenden Frauen im Deutschen Reich aus ihren Beamtenstellungen zu entlassen (z.B. Gertrud Bäumer oder die jüdischen und politisch ‚unzuverlässigen‘ Direktorinnen der sozialen Frauenschulen etc.). </p>
<p>
Ein weiterer folgenschwerer Eingriff war die Einführung eines Numerus Clausus für Studentinnen auf 10 Prozent und überhaupt die Beschränkung der Studentenzahl pro Jahrgang auf 15 000 durch das ‚Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen‘ vom 15. April 1933. Die Durchführungsbestimmungen sahen ausdrücklich die weitere Beschränkung des Anteils jüdischer Studenten auf 1,5 Prozent pro Jahrgang vor, die in der Praxis zu einem völligen Ausschluss führten, da die einzelnen Universitäten ohnehin alle nun als „Nicht-Arier“ definierten deutschen Staatsbürgerinnen nicht mehr zu den Examen zuließen. Abgesehen von den schlechten Berufsaussichten für akademisch ausgebildete Frauen ab 1933, wurde vom nationalsozialistischen Regime auch im Höheren Schulwesen für Mädchen alles getan, um Frauen die Hochschulreife gar nicht erst zu ermöglichen: durch die Abschaffung des Faches Latein, Reduzierung der naturwissenschaftlichen Fächer sowie Pflichtprüfungen in Hauswirtschaft, das sog. Puddingabitur, das man auch noch in den 1950er Jahren kannte, schließlich durch Kürzung der Stipendiengelder. Hinzukam der Reichsarbeitsdienst und die wöchentlich verordneten politischen Einsätze, die in einem Pflichtenheft zu testieren waren (vgl. Weyrather 1981). Bei insgesamt stark sinkenden Studentenzahlen nahm die Zahl der Studentinnen von fast 20 Prozent 1931/32 auf durchschnittlich 14 Prozent ab, um dann mit Ausbruch des Krieges in den Jahren 1943 bis 1945 auf 45 bis 50 Prozent zu steigen.<sup>8</sup> Den größten Zuwachs stellten hierbei die Medizinerinnen, die dringend gebraucht wurden. Beachtlich war auch die Zunahme bei den Naturwissenschaften sowie daneben der Lehrerstudentinnen (Grütt ner 1995: 491, vgl. auch 109f.). Der Lehrkörper der Universität wurde aber nicht ‚nur‘ von den als jüdisch verfolgten Wissenschaftlerinnen ‚gereinigt‘, wie dieses Unwort hieß, neben Rasse war nun auch Geschlecht ein politisch forciertes Ausschlusskriterium. Selbst wenn Frauen noch habilitiert wurden wie Ruth Moufang, so verfügte das Berliner Ministerium, dass eine Übernahme als Dozentin nicht in Frage komme: „Das Dritte Reich erwarte von seinen Professoren, dass sie nicht nur fachliche Qualifikation besäßen, sondern auch die ‚Führer‘ der Studenten seien. Dafür kämen Frauen prinzipiell nicht in Frage ...“. (Zit. n. Hammerstein 1989: 820).</p>
<p>
Von der verhältnismäßig kleinen Zahl von Wissenschaftlerinnen, die sich zwischen 1908/1914 bis 1933 einen Platz zumindest als Dozentin an den Universitäten erkämpft hatten,<sup>9</sup> mussten die Hälfte Deutschland verlassen, nur wenige, vorausgesetzt sie wurden nicht als Jüdinnen verfolgt, konnten ungesichert weiterarbeiten, z.B. die Medizinerin Charlott e Mahler als Kommissarische Leiterin der Chirurgischen Universitätsklinik. Sie holte ihre Habilitation 1946 nach, wurde erste Chefärztin im Bürgerhospital Frankfurt und lehrte ab 1946 als Dozentin an der Uni.<sup>10</sup></p>
<p>
Das Beispiel einer anderen prominenten Frankfurterin, die an der Frankfurter Uni Rechtswissenschaften studiert hatte, 1930 dort promoviert und 1933 aus dem Richteramt entlassen wurde, ist Elisabeth Schwarzkopf. Sie hat in der Nazi-Zeit als Mitarbeiterin, später Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche in Berlin überdauert. Ab 1953 Bundestagsabgeordnete, 1961 die erste Gesundheitsministerin, war sie eine frauenbewusste Frau, eine Frauenrechtlerin im alten Sinne. (Vgl. Die Hessische Landesregierung 2001).</p>
<p>
Dringend weiter zu erforschen sind die Lebens- und Berufswege all der Frauen, die bisher nicht in der Geschichte der Frankfurter Universität auftauchen, verfolgt, umgebracht oder auch ‚nur‘ aus der Bahn ihrer vielversprechenden Anfänge in Forschung und Lehre geworfen wurden. Es gibt inzwischen eine umfangreiche Exilforschung, speziell auch zum Verbleib der Wissenschaft lerinnen einzelner Universitäten, z.B. zu München, zu Göttingen, auch Gießen. Für Frankfurt ist dies noch ein weites, unbestelltes Feld,</p>
<p><br>
<strong>Wiederbeginn nach 1945: Restauration und Geschichtsverlust</strong><br>Die Wiedereröff nung der Frankfurter Universität nach 1945 gestaltete sich schwierig. Die meisten Gebäude waren zerstört, über ein Drittel des einstigen Lehrkörpers war als politisch „belastet“ entlassen worden,<sup>11</sup> andere galten als verschollen oder waren in Gefangenschaft. Nichts war dazu zu finden, wie viele von den zunächst Entlassenen als „entnazifiziert“ zurückkehrten, z.B. Boris Rajewski, von 1949 bis 1951 Rektor der Universität, der als SA und NSDAP-Mitglied in den Jahren seit 1934 das Institut für Physikalische Grundlagen der Medizin geleitet hatte. (Hammerstein 1989: 385-389; Hammerstein 2012: 234 f. et passim; vgl. auch Maaser 2004a: 49). Aber was die Geschlechterverhältnisse anging, war es ein Rückfall auf den Ausgangspunkt der Frauenstudien von 1908/1914. Gewiss die Zahl der studierenden Frauen hatte sich um 1959 wieder auf etwa 18 Prozent eingependelt, doch die „Hypothek des Nationalsozialismus“ wog schwer. Im Lehrkörper, insbesondere den Lehrstuhlinhabern, war so gut wie keine Frau: Bewahrheiten sich hier die dürren Zahlen weiblicher Repräsentanz im Personenverzeichnis der Geschichte der Universität bis 1972?<sup>12</sup></p>
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Warum hat man sich nicht bemüht, <strong>Emmy Klieneberger-Nobel</strong> aus London zurückzuholen? Warum musste die an die Uni zurückgekehrte habilitierte <strong>Ruth Moufang</strong> sich bis 1957 mit einem Lehrauftrag begnügen, bis sie endlich einen Lehrstuhl für Mathematik erhielt. Sie war damit die „erste und lange Zeit die einzige Professorin der Frankfurter Universität“ Hammerstein (1989: 820). Warum musste die Germanistin und profilierte Volkskundlerin <strong>Mathilde Hain</strong>, die 1932 in Frankfurt promovierte, jedoch 1938 als Assistentin im Deutschen Seminar einem Nationalsozialisten weichen musste, 1945 in Berlin und 1947 noch einmal nach Frankfurt umhabilitiert wurde, sich mit dem merkwürdigen Aushilfsposten einer „Diätenassistentin“ begnügen, obwohl sie seit 1962 die Leitung des von ihr wieder aufgebauten Instituts übernommen hatte? Sie wurde dabei lediglich zur Wissenschaftlichen Rätin ernannt. Ihr Nachfolger, den sie noch für mehrere Semester vertrat, erhielt selbstverständlich eine ordentliche Professur (Hammerstein 2012: 602). Und warum wurde die Soziologin <strong>Hilde Weiss</strong> nicht wenigstens in den 1960er Jahren als Gastprofessorin an das Institut für Sozialforschung eingeladen? Sie hatte 1927 bei Carl Grünberg promoviert und am IfS als Assistentin gearbeitet, auch noch nach der Emigration an den Studien zur ‚Autorität und Familie‘, sowie an der Studie ‚Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches mitgewirkt. In den USA erhielt sie auch erst nach langer Lehrtätigkeit am Brooklyn College 1963 eine feste Anstellung. Eine von ihr nachgefragte Gastprofessur in Frankfurt „scheiterte an der reser-vierten Haltung Theodor W. Adornos“.<sup>13</sup></p>
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Fragen über Fragen, die erst noch zu recherchieren und zu beantworten sind. Die Mehrheit der akademischen Elite meinte, die Vergangenheit damit zu bewältigen, dass sie sich für unpolitisch erklärte, angeblich auf die reine Wissenschaft konzentrierte. Geschlecht aber war für sie weder eine wissenschaftliche noch eine politische Kategorie. Von dem, was die akademische Elite in der Nazi-Zeit zu Geschlechterklischees praktiziert, gelehrt und gelernt hatte, vom alltäglichen Sexismus im universitären Selbstverständnis und Umgang hatte sich die Mehrheit der jungen und alten Herren deshalb nach 1945 keineswegs verabschiedet. Trotz der im Grundgesetz verfassten Gleichberechtigung waren die 1950er Jahre frauenpolitisch, wie wir alle wissen, ein Rückschritt, eine Zeit der Restauration, der Beschwörung von Familienidylle und Mütterlichkeit. Es wundert heute allenfalls, dass diese Kontinuität und Kumpanei für normal gehalten wurde. „Die Mechanismen des Ausschlusses funktionierten nachhaltiger als vor 1933 und knüpften an vordemokratische, längst überwunden geglaubte Praktiken an,“ schreibt Hiltrud Häntzschel in ihrem Aufsatz „Wissenschaft als Beruf für Frauen in Nachkriegsdeutschland“, und sie fügt hinzu, der tiefe „Riss in der Geschichte der intellektuellen Frauen in Deutschland“ – ein Bild, das Barbara Hahn als Bild für den Bruch um 1933 benutzt (Hahn 1994: 14) – „müsste eigentlich ... zu einem breiten, für Jahrzehnte nicht überbrückbaren Abgrund erweitert werden.“ (Häntzschel 2011)</p>
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Als ich ab 1958 mein juristisches Studium in Köln, Göttingen und Köln absolvierte, erinnere ich mich, keine einzige Frau unter den Professoren oder Assistenten erlebt zu haben. Es gab keine Vorbilder, man war fremd, unbehaglich, weil das Erscheinen in diesem Betrieb als Heiratsmarkt missverstanden wurde und frau daher immer in Verteidigungsstellung war im Hinblick auf eigene Pläne oder Lebensentwürfe.<sup>14</sup></p>
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Das frauenfeindliche Klima und die misogynen Vorbehalte gegen studierende Frauen sind immerhin in einer großen empirischen Studie dokumentiert, die Hans Anger an 4 westdeutschen Universitäten, darunter auch Frankfurt, in den Jahren 1953/54 durchführte und 1960 veröffentlichte (Anger 1960). Die Ergebnisse der mehrstündigen Intensivbefragungen von 138 Professoren und Dozenten (von 1000 Personen im Lehrkörper der 4 Universitäten) erinnern fatal an das berühmte Kirchhoff-Gutachten von 1897 gegen die Befähigung von Frauen zum Universitätsstudium (vgl. Kirchhoff 1897). Eines von 9 Themenfeldern der „Probleme der deutschen Universität“ befasste sich mit „Universität und Frau: die Frau als Studentin – als Dozentin“. Es wurden Einstellungen zu beiden Personengruppen abgefragt. Vorweg  machte der Autor darauf aufmerksam, dass sich die Befragten meistens kaum auf Erfahrungen mit Frauen als Hochschullehrerinnen stützen könnten, „weil der Prozentsatz der weiblichen Wissenschaftler unter den planmäßigen Professoren praktisch null“ war.<sup>15</sup> Die Gründe für die Seltenheit von Frauen im Lehrkörper lagen nach Ansicht der Befragten vorwiegend bei den Frauen selbst. Als häufigste Gründe wurden genannt:
<ul><li style="margin: 0 0 5px 0;"> „Mangel an intellektuellen oder  produktiv-schöpferischen Fähigkeiten</li><li style="margin: 0 0 5px 0;"> der Hochschullehrerberuf widerspricht dem Wesen, der biologischen Bestimmung der Frau,</li><li style="margin: 0 0 5px 0;"> Mangel an physischer Kraft und pädagogischer Autorität</li><li style="margin: 0 0 5px 0;"> Mangel an Ausdauer, Willenskraft und Selbstvertrauen“. (Anger 1960: 491) (Sic!)</li></ul></p>
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Im Ergebnis waren 40 Prozent bedingt negativ, 39 Prozent grundsätzlich ablehnend und nur 9 Prozent bedingt positiv für die Einstellung von Frauen als Lehrpersonen an der Universität (Anger 1960: 489; vgl. dazu auch Häntzschel 2011: 242 f.)</p>
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1960 betrug der Anteil von Professorinnen an der Professorenschaft  2,3 Prozent. Für die weitere Entwicklung ist interessant, dass es zunehmend mehr Frauen auf den unteren Ebenen gab, unter Assistentinnen, Privatdozentinnen und außerplanmäßigen Professorinnen. Doch während im Vergleich zu männlichen Habilitierten auf 1,7 Lehrstuhlinhaber 2,1 Mitarbeiter kamen, bestand bei den Frauen ein Missverhältnis von 1,7 zu 12 Assistentinnen (Bußmann 1997: 274). Eine von ihnen war Helge Pross, die es verdient, hier als Übergangsfrau aus dieser Zeit in den nächsten Abschnitt erwähnt zu werden.</p>
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Helge Pross hatte ihr Studium in Heidelberg mit einer Promotion über „soziale Ideen Bettina von Armins“ beendet und kam nach einem Studienaufenthalt in den USA – über Vermittlung des Staatsrechtlers und Emigranten Franz L. Neumann - an das IfS, sie war dort von 1954 – 1959 Assistentin bei Horkheimer und Adorno (vgl. Lutz/ Schmidbaur/ Specht-Ronique/ Wolde 2014). Sie schien damals mit ihrem Forschungsinteresse an Frauenthemen nicht ganz ins Profil des Instituts zu passen.<sup>16</sup> Doch sie habilitierte sich 1963 in Frankfurt und wurde 1965 nach Gießen auf eine Professur für Soziologie berufen. Sie war Wegbereiterin zahlreicher, vielbeachteter empirischer repräsentativer Studien zur gesellschaftlichen Situation der Frau, die sie wissenschaftlich als auch journalistisch wirkungsvoll vertrat: Über die Bildungschancen von Mädchen in der BRD (1969); Gleichberechtigung im Beruf (1973); Die Wirklichkeit der Hausfrau (1975). Warum haben wir sie damals – radikal-feministisch und auch unduldsam – dennoch eigentlich kritisiert?</p>
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In einem Text „zu Zielen und Methoden der soziologischen Frauenforschung“, der 1984, kurz vor ihrem Tod, veröffentlicht wurde, hat sie selbst die Gründe benannt, warum sie sich von feministischer Forschung distanzierte: „Frauenforschung ist kein neues Gebiet – jedenfalls nicht in der Soziologie“, und sie verwies auf Studien, die wir damals als „Bindestrich-Soziologie“ abwerteten. Sie beharrte auf der Weber’schen Trennung von „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ und lehnte vor allem besondere, eigene feministische Methoden der Erkenntnis ab.<sup>17</sup> U.a. heißt es da:
<blockquote class="wp-block-quote"><p>
„Ich habe meinerseits keine grundsätzlichen Einwände gegen solche (die Veränderung der Institutionen, die Betonung sozialer Arrangements...) Programmatiken, die ja keineswegs exklusiv feministisch sind. Ich sehe aber auch ihre Schwäche. Eine Schwäche [...] liegt in der Tatsache, dass sie Fernziele sind, unerreichbar, solange nicht sehr viel mehr Frauen in den Forschungsstätten arbeiten, solange sie nicht dort selbstverständlich sind. Vielleicht sind Fernziele wichtig, aber ich glaube, man sollte sich nicht mit ihnen aufhalten, sondern sich mehr auf Nahziele und die eigene wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Das ist, wie wir alle wissen schwierig genug ...“ (Pross 1987 [zuerst 1984]: 124;  vgl. auch Metz-Göckel 2008).</p></blockquote>
<br><strong>Der Beginn der Frauen- und Geschlechterforschung</strong><br> Ja, wir (d.h. die neue Frauenbewegung und die von ihr inspirierten Wissenschaftlerinnen) wollten mehr, nicht nur die Universität, ihre Form der Wissensproduktion und männlicher Exklusivität, sondern die Gesellschaft überhaupt verändern, soll heißen, insbesondere ihre nach Geschlecht sortierten Ungleichheitsstrukturen und Gewaltverhältnisse aufklären und beseitigen. Der Motor und Träger dieses kühnen Unterfangens war die Protestbewegung der Frauen, die in zahllosen Frauengruppen, Frauenzentren und Medien und Kampagnen, nicht nur in den Universitäten überall im Land und in der westlichen Welt zum Aufbruch und Aufruhr ansetzte und die Streitthemen vorgab, gegen strukturelle Ungleichheit und sexuelle Gewalt in den privaten und gesellschaftlichen Beziehungen, gegen die Restauration autoritärer Herrschaftsverhältnisse, gegen das Vergessen und Verdrängen der Geschichte und Kultur von Frauen. In der Verbindung von Wissenschaft  und Politik traf sich die Frauenbewegung mit den anderen neuen sozialen Bewegungen der 1960/70er Jahre. Doch aus den Nebenwidersprüchen der Studentenbewegung oder ‚Linken‘ konnten sich die Frauen an diesem Ausgangspunkt nur durch einen radikalen Separatismus, das Beharren auf privater und politischer Autonomie befreien. Den Hintergrund für die Forderungen von Frauen an die Wissenschaft und in der Wissenschaft bildete somit ein neues Selbstbewusstsein sowie die in zahllosen Selbsterfahrungsgruppen und Frauenseminaren organisierte Verständigung über die Ursachen des Ausschlusses, der Behinderung und Unterdrückung von Frauen. (Hierzu gehörten die überregionalen Initiativen, die Sommeruniversitäten, die Historikerinnentreffen, das Frauenforum im Revier etc.).</p>
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Insofern entsprach das Ernstnehmen der eigenen Erfahrungen dem Ansatzpunkt kritischer Gesellschaftstheorie, die – ich paraphrasiere Horkheimer – „in Abgrenzung zu zeitgenössischen antihistorischen Philosophien nicht nur ihre empirischen Problembezüge, sondern auch ihre Konzepte und Begriffe aus der (akut erfahrenen) historischen Konstellation, ... von der historischen Erfahrung ... ihrer empirischen Subjekte ableitet ...“ (zit. n. Dubiel 1978: 17). Oder einfacher ausgedrückt: Kritische Theorie ... „zielt nirgends bloß auf die Vermehrung von Wissen als solchem ab, sondern auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen.“ (Horkheimer 1988: 219)
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In Frankfurt war also das Terrain für eine erste soziologische Professur mit der bedeutungsvollen Widmung für „Frauenarbeit in Produktion und Reproduktion/Frauenbewegung“ inhaltlich und theoretisch bereitet. Hier hatte sich als Fanal für einen autonomen Feminismus bereits 1968 ein „Weiberrat“ konstituiert, hier gab es eine Reihe engagierter Forscherinnen/Mitarbeiterinnen am IfS, die im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Integration der Frauen in die Berufswelt“ über Lohnarbeit und Hausarbeit als System widersprüchlicher Anforde-rungen forschten, sowie von den sog. Mittelbauerinnen/Assistentinnen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften veranstaltete „Frauenseminare“ zu weiblicher Subjektivität und Lebenspraxis, zu Frauenbewegung, seit 1978 auch regelmäßig Lehraufträge und autonome Tutorien. Aus all diesen Zusammenhängen entstand anlässlich eines Streiks bereits im WS 1973/74 die Idee, einen „Lehrstuhl für Frauenfragen“ zu fordern.</p>
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Aus Zeitgründen kann ich hier nicht alle Stationen oder Namen nennen. Doch als ich 1987 endlich nach Frankfurt berufen wurde, traf ich in der Stadt und in der Universität auf mehrere Generationen von Studentinnen, Ehemalige und Mitarbeiterinnen s-wie Frauen aus der Stadt und Zivilgesellschaft, die sich alle mit Mut und viel Phantasie, vielfältigem Formen zivilen Ungehorsams (Go ins in den Landtag, Study-Ins in Präsidialabteilung, endlosen Diskussionen im Frauen- und Lesbenplenum, Eingaben bei den Hessischen Regierungsparteien etc.) für die Einrichtung einer solchen Professur eingesetzt hatten. Das Bewundernswerteste war die Tatsache, dass dem Kampf über 13 Jahre hinweg, mit immer neuen Beteiligten, nicht die Puste ausgegangen war. Immer wieder aber wurde aus dem Engagement in der „autonomen Frauenbewegung“ mit großer Skepsis die Frage diskuti ert, ob die Institutionalisierung der Frauenforschung der richtige Weg sei, ob nicht der Anpassungsdruck zu groß und angesichts bereits gesetzter wissenschaftlicher Standards und Interessen die Gefahr der Vereinnahmung und einer zunehmend sozialen Distanz zwischen Professorin und Studentin bestehe. Doch es wurde entschieden, dass „einzig eine Dauerprofessur ... die Kontinuität von Forschung, Lehre und die fachgerechte Betreuung von Abschlussarbeiten gewährleiste.“ (Waltraud Both, in: Dokumentation zum Frankfurter Frauenlehrstuhl 1986). Allen dann im November 1985 eingeladenen 9 Bewerberinnen wurde diese Frage auch in der Anhörung gestellt.</p>
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Meine „vorsichtige Antwort“ damals lautete: „Es wäre notwendig, dass mehr Frauen in der Wissenschaft  tätig sind“. Ich hielt es für „unabdingbar, ... einen Rückhalt in der Frauenbewegung zu haben, damit die einzelnen Wissenschaftlerinnen ... sich immer auf Frauengruppen beziehen können, insbesondere auch auf außerakademische Frauenzusammenhänge ...“ (Gerhard-Teuscher 1986: 156).</p>
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Die Vorteile der Institutionalisierung – so kann ich aus der Rückschau sagen - lassen sich an der großen Nachfrage von Studentinnen für das Fach, insbesondere aber auch an der großen Zahl der betreuten Diplom- und Abschlussarbeiten, schließlich der Promotionen und Habilitationen ablesen, die hier in den ersten Jahren anstanden. Auch ermöglichte nur die etablierte Professur kontinuierlich Einfluss auf das Curriculum und die Prüfungsordnungen zu nehmen, um Frauen- und Geschlechterthemen als legiti m und relevant im Kanon der Wissenschaft zu verankern. Schließlich war die Möglichkeit, Forschungsprojekte zu akquirieren, das Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC) zu gründen (unter Beteiligung meiner Kolleginnen Susanne Opfermann, Brita Rang und Heide Schlüpmann) sowie ein Graduiertenkolleg Öffentlichkeiten und Erfahrung. Dimensionen von Erfahrung einzuwerben, ein bestätigendes Argument. Und frau könnte ins Schwärmen kommen über die große Zahl der im CGC versammelten Professorinnen und die Vielfalt ihrer Projekte und Kompetenzen.<sup>18</sup></p>
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2013 betrug der Anteil von C4/W3-Professuren an der Uni Frankfurt  immerhin 19,4 Prozent. Bei den C3/W2-Professuren waren 25,2 und bei Juniorprofessuren 32,6 Prozent! Frankfurt liegt damit im bundesrepublikanischen Vergleich im Mittelfeld mit einem Frauenanteil von im Durchschnitt 21,9 Prozent der Hochschullehrer (Miklar 2014).
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Doch wie steht’s mit dem Rückhalt in der Frauenbewegung, im Feminismus? Ja, gibt es sie/ihn noch? Als die Beziehung im Laufe der 1990er Jahre nicht mehr eindeutig war, die wissenschaftliche Kategorie Frau oder Geschlecht zunehmend kritisch reflektiert wurde, tröstete mich die Zusicherung junger Wissenschaftlerinnen, dass man nicht in der Frauenbewegung gewesen sein muss, um zur Feministin zu werden, sondern dass ebenso die intellektuelle Auseinandersetzung mit den beharrlichen politischen und sozialen Ungleichheitsstrukturen im Geschlechterverhältnis feministisches Bewusstsein weckt (Villa 2003: 279).<sup>19</sup> Damit ist die Frauen- und Geschlechterforschung nicht nur ein politisches, sondern auch ein pädagogisches Projekt (vgl. Griffi n 2004) und kann auch in politisch dürren Zeiten neben der Schulung zur Selbstreflexion und radikaler Gesellschaftskritik Nährboden für neue Formen des Protestes und der Aufklärung sein und also eine Brücke bilden für einen neuen, vielleicht anderen Feminismus. Nicht zuletzt geht es auch darum, den Kanon neuen Wissens nicht wieder zu vergessen, abzuwerten und auszugrenzen, nicht immer wieder von vorne anfangen zu müssen, sondern die Früchte weiblicher Intellektualität endlich zu erkennen, an sie, auch kritisch, anzuknüpfen und sie zu bewahren. Zumindest hoffe ich, mit meinem Vortrag über alle Brüche und das Vergessen hinweg, an die verschütteten und noch viel zu wenig erforschten Traditionslinien von Frauen in der Wissenschaft  erinnert zu haben, um damit für ein großes, noch zu erwirkendes Projekt zu 100 Jahre Frauenstudium in Frankfurt zu werben.
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<a href="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/CGC_online-papers-1_2017_web_Ute_Gerhard.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Fußnoten, Literatur- und Quellenverzeichnis siehe PDF</a><br><br>
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</div>-->



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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Abschied vom männlichen Familienernährer – zur Geschichte eines langsam verschwindenden Geschlechtermodells</title>
		<link>https://ute-gerhard.de/abschied-vom-maennlichen-familienernaehrer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[SuperAdministrator]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2020 16:55:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<strong>Vortrag auf der Gleichstellungstagung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung</strong> am 17. und 18. September 2015 in Berlin: <i>Genderungleichheiten in der Arbeit </i><br><br>
„Was der Feminismus nicht gewollt hat“, lautete kürzlich eine Überschrift im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (vom 28. August 2015). Der fesche, etwas wirre, in der Sache gleichwohl zutreffende Artikel behandelte das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter, die Vorurteile und Schwierigkeiten, als Single-Mutter einen Job zu finden, ihre Mehr-Belastung und Mehr-Arbeit. Erleichtert wird notiert: „Es ist keine Schande mehr, wenn eine Frau ohne Partner ein Kind aufzieht.“ Doch die wiederholten Anspielungen auf den Feminismus, schließlich die Schlussfolgerung, „der Plan der Frauenbewegung sah anders aus“, suggerieren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Armut alleinerziehender Mütter und der Emanzipationsbewegung der Frauen ]]></description>
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<div><p><strong>Vortrag auf der Gleichstellungstagung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung am 17. und 18. September 2015 in Berlin: <i>Genderungleichheiten in der Arbeit </i></strong></p> 
	<p> „Was der Feminismus nicht gewollt hat“, lautete kürzlich eine Überschrift im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (vom 28. August 2015). Der fesche, etwas wirre, in der Sache gleichwohl zutreffende Artikel behandelte das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter, die Vorurteile und Schwierigkeiten, als Single-Mutter einen Job zu finden, ihre Mehr-Belastung und Mehr-Arbeit. Erleichtert wird notiert: „Es ist keine Schande mehr, wenn eine Frau ohne Partner ein Kind aufzieht.“ Doch die wiederholten Anspielungen auf den Feminismus, schließlich die Schlussfolgerung, „der Plan der Frauenbewegung sah anders aus“, suggerieren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Armut alleinerziehender Mütter und der Emanzipationsbewegung der Frauen. Ja, die Ausführungen bedienen unterschwellig ein Muster des Feminismus-Bashing, das in den Gazetten immer wieder großen Anklang findet: Irgendwie ist der Feminismus an allem schuld. Abgesehen von der fragwürdigen Personalisierung des Feminismus als einem historischen Subjekt, das dies oder das zu verantworten hat, irritiert die merkwürdige Verkehrung von Ursache und Wirkung, so als ob das Bestreben der Frauen nach gleicher Freiheit und Teilhabe die Ursache für die Misere von Frauenarmut und anhaltender struktureller Ungerechtigkeit sei.  War’s da früher nicht doch besser, zumindest klüger, sich einem Mann als Ernährer anzuvertrauen?
</p>
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Das Wissen um den historischen Ballast in dieser Debatte sollte uns nicht dazu verleiten anzunehmen, dass die Rolle des männlichen Familienernährers ein traditionelles Konzept sei, das seit ewigen Zeiten das Geschlechterverhältnis in der  Form geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung bestimmt hat. Nein, die Ernährerrolle des Mannes ist allenfalls so alt wie die Lebensform der bürgerlichen Familie, als Leitnorm der Familien- und Sozialpolitik jedoch höchstens 150 Jahre, und war auch dann nur lebbar für eine ganz kleine Minderheit. Die Sozialgeschichte der Familie belehrt uns, dass die bürgerliche Schicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lediglich 3 bis 4 Prozent der Erwerbstätigen stellte. Je nach Abgrenzung, ob man auch die kleinen Selbständigen aus Handel und Gewerbe dazuzählte, wird ihr Anteil zum Ende des 19. Jahrhunderts auf allenfalls 15 Prozent der Bevölkerung geschätzt (Kocka 1988S. 13). Trotzdem, trotz der mehrheitlich anderen  Familienformen hat sich die bürgerliche Familie seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung und der Durchsetzung einer kapitalistischen Produktionsweise zum Leitbild, Vorbild und Sehnsuchtsort privaten Glücks entwickelt. Wie ist das zu erklären?  
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	<p>
<a href="http://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/Maennl_Ernaehrer_gerhard_s.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Weiterlesen im PDF</a></p>

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<strong>Die Karriere der bürgerlichen Familie</strong><br>
Die Geschlechterforschung hat in vielfältigen Studien von der Philosophie, über die Geschichte der Familie, des Rechts und der Politik die ‚Ordnung der Geschlechter‘ in der bürgerlichen Gesellschaft in all ihren sozialhistorischen Facetten und ideologischen Verbrämungen freigelegt. Es zeigte sich: das Drehkreuz weiblicher Bestimmung und Lebenswege war die Familie. Ihre Struktur und Kultur, die Matrix der Zweigeschlechtlichkeit wurden bestimmt durch die systemische Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, von Haushalt und Betrieb oder von Produktion und Reproduktion. Diese geschlechtshierarchische Ordnung setzte idealtypisch voraus, dass die Einkünfte des Mannes und Haushaltsvorstandes für den Unterhalt und die Freistellung der Frau und der Kinder vom Arbeitsmarkt ausreichten. Doch wie wenig dieser ideale Modell der Realität entsprach, wird spätestens darin offenbar, dass diese sog. Ernährerfamilie erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD und in der westlichen Welt ihre größte Verbreitung gefunden hat, in einer Zeit männlicher Vollbeschäftigung und verhältnismäßig stabiler Familienverhältnisse. Diese kurze Phase der 1950er bis zur Mitte der 1960er Jahre wird auch gern als „goldenes Zeitalter der Ehe“ bezeichnet, weil „noch nie in der Geschichte unseres Kulturkreises so viele Menschen verheiratet waren, so wenig Ehen geschieden wurden, eine relativ hohe Kinderzahl pro Familie gegeben war und  nichteheliche Lebensgemeinschaften so gut wie unbekannt waren,“(Nave-Herz 1998,  294) oder sagen wir: deshalb auch mit Schimpf und Schande diskriminiert wurden. Folgt man der zu jener Zeit einflussreichen Familiensoziologie, so war die Wiederherstellung rigider Geschlechterrollen sowie das Leitbild von Ehe und Kernfamilie als dominanter Lebensform nach zwei Weltkriegen und ihren Katastrophen der Motor einer angeblichen <u>„Normalisierung“</u> der Lebensverhältnisse. Wie auch international vergleichende Studien zeigen, hat diese sog. Normalisierung in allen am Krieg beteiligten westlichen Industrienationen zu einer Restauration des bürgerlichen Familienmodells, einer Re-Familiarisierung geführt, die zugleich mit einer Re-Maskulinisierung der Gesellschaften in Politik, Wirtschaft und Kultur verbunden war (Moeller 1998). Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund konnte der amerikanische Soziologe Talcott Parsons die Universalität der Kleinfamilie behaupten und nahm an, dass die so gekennzeichnete ‚moderne Familie’ als Norm ausgehend von den westlichen Industrieländern auch in der restlichen Welt über kurz oder lang am besten geeignet sei, gesellschaftliche Stabilität und Funktionalität zu gewährleisten. Funktional und notwendig aber war in Parsons’ Konzeption vor allem die strikte Trennung der Geschlechterrollen in eine berufliche und familiäre Aufgabenteilung sowie eine explizite geschlechtshierarchische Arbeitsteilung. Die Gegenüberstellung männlicher (instrumenteller) versus weiblicher (expressiver) Verhaltensmuster (sog. „pattern variables“) und damit die ungleiche soziale Position der Geschlechter geriet dabei unversehens zur unverzichtbaren Voraussetzung nicht nur für die Stabilität der Familie, sondern für das Funktionieren des gesellschaftlichen Systems überhaupt (Parsons 1951, 160f.; Parsons/ Shils 1951, 48, 76f.; vgl. hierzu Rosenbaum 1973). </p>
	<p>
Der Streitpunkt, um den sich auch schon die historischen Debatten und Auseinandersetzungen drehten, war immer die Arbeit der Frauen bzw. die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb und außerhalb des Hauses. Dies soll mit dem Blick zurück in die Geschichte kurz erläutert werden: 
</p>
	<p><br>
<strong>Die Beschränkung/das Verbot der Frauenarbeit</strong><br>
Ich erinnere mich gut, wie überrascht ich war, im Zuge meiner Studien über Frauenarbeit und Familie im 19. Jahrhundert in den ersten preußischen Berufsstatistiken bereits 1816 auf eine Frauenerwerbsquote von fast 30 Prozent (29,74) zu stoßen (im Vergleich dazu betrug die der Männer 45 Prozent) (Gerhard 1978, S. 47). Gewiss, dies waren protoindustrielle Beschäftigungen von Frauen. Die vorwiegend als Gesinde oder Tagelöhnerinnen arbeiteten, doch jedenfalls außerhäusliche, außerhalb der eigenen Familie gegen Lohn verrichtete Erwerbstätigkeiten. Die große Masse der für die eigene Subsistenz oder den Markt arbeiten Bäuerinnen, mithelfenden Familienangehörigen sowie die Heimarbeiterinnen war hierbei nicht einmal mitgezählt. Wegen wechselnder Zählmethoden im Hinblick auf diese Gruppen haben die Statistiken bis in das 20. Jahrhundert hinein immer wieder zu Fehleinschätzungen (etwa einer angeblich enormen Steigerung der Frauenerwerbsarbeit um 1900) geführt. In jedem Fall aber ist die verbreitete Annahme, dass außerhäusliche <u>Frauenerwerbstätigkeit eine bedauerliche Errungenschaft des Kapitalismus</u> sei, damit gründlich widerlegt, im Gegenteil, die Forschung spricht sogar von einer „faktischen Verschlechterung  der Arbeitsmarktposition von Frauen im Industrialisierungsprozess.“(Knapp 1986, Bd. 2, S. 101) Denn der Anteil der Fabrikarbeiterinnen war auch nach 1850 mit der für Deutschland verhältnismäßig spät einsetzenden Industrialisierung ausgesprochen gering. Lediglich in der Textilindustrie mit ihren Hungerlöhnen und elenden Arbeitsbedingungen stellten Frauen in der Regel eine Mehrheit, während die expandierende Großindustrie Bergbau, Maschinenbau und Transportwesen männliche Domänen wurden. Der Anteil weiblicher Arbeitskräfte im gewerblich industriellen Sektor an allen weiblichen Beschäftigten betrug auch zum Ende des 19. Jahrhunderts knapp 20 Prozent und bezog sich auch damals vorwiegend auf schlecht entlohnte, auf marginale, irreguläre und häufig wechselnde Beschäftigungen  (Knapp, S. 105, vgl. Wehler 1995. Bd., S. 774; Frevert 1986, S. 97/98).
</p>
	<p>
Der Kampf für ein Verbot oder zumindest die Beschränkung der Frauenarbeit in den Fabriken wurde schon in der frühen Arbeiterbewegung der 1860er Jahre mit der lohndrückenden Schmutzkonkurrenz der Frauen begründet (vgl. Gerhard 1990, auch zum Folgenden). Ebenso häufig und früh aber tauchten Argumente auf, dass der Fabrikarbeiter nicht nur unter weiblicher Konkurrenz leide, sondern auch „unter dem öden und verlassenen Zuhause“ und der „Vernachlässigung der Familienpflichten durch die Frau“. Wer glaubt, dass solche Ansichten nur aus bürgerlicher Feder stammen könnten, wird eines Besseren belehrt wenn wir die Denkschrift der deutschen Abteilung der Internationalen Arbeiterassoziation aus dem Jahr 1866 lesen. Da heißt es u.a.:
<blockquote class="wp-block-quote"><p>„Schafft Zustände, worin jeder herangereifte Mann ein Weib nehmen, eine durch Arbeit gesicherte Familie gründen kann … Den Frauen und Müttern gehören die Haus- und Familienarbeiten, die Pflege, Überwachung und erste Erziehung der Kinder, wozu allerdings eine angemessene Erziehung der Frauen und Mütter vorausgesetzt werden muss. Die Frau und Mutter soll neben der ernsten öffentlichen und Familienpflicht des Mannes und Vaters die Gemüthlichkeit und Poesie des häuslichen Lebens vertreten, Anmuth und Schönheit in die gesellschaftlichen und den Lebensgenuß der Menschheit veredelnd erhöhen.“(Zit. n.Thönessen 1969, S. 19) </p></blockquote> 

Besser kann die bürgerliche Geschlechterphilosophie gar nicht auf den Begriff gebracht und in die Lebenspraxis umgesetzt werden! Louise Otto, die in jener Zeit dem Eisenacher Arbeiterbildungsverein und Bebel persönlich und in der Sache sehr verbunden war, bezeichnete den Beschluss der Gründungskongresses der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1869, die Frauenarbeit einzuschränken, in der Vereinszeitschrift „Neue Bahnen“ des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins als „aller Gesittung und Humanität hohnsprechend.“ § 3 des Programms, in dem es darum ging, die Klassenherrschaft abzuschaffen, kommentierte sie nur lakonisch : „Aber die Herrschaft des Geschlechts bleibt bestehen? Wo sind die gleichen Rechte und Pflichten der Frauen?“(Zit.n. Gerhard 1990, S. 116). 
</p>
	<p><br>
<strong>Frauenbewegung und Arbeiterinnenbewegung</strong><br>
Mit der Verschärfung der Klassengegensätze nach 1870, erst recht nach dem Erlass der Sozialistengesetze 1878 trennten sich die Wege der  Arbeiterinnen- und Frauenbewegung. Clara Zetkin schaffte es, mit ihrer großen Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris 1889 die Genossen auf eine sozialistische Frauenemanzipationstheorie einzuschwören, wonach die Erwerbstätigkeit der Frau selbst in der ausbeuterischen Form der Fabrikarbeit der einzige und notwendige Weg „Für die Befreiung der Frau“ wäre. Wenige Jahre später vollzog sie eine erstaunliche Wende von der Ablehnung des besonderen Arbeitsschutzes für die Frau hin zu einem gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, verbunden mit der Forderung nach einem Achtstundentag. Das Ziel war nicht zuletzt, Frauen angesichts ihrer Familienpflichten Zeit zu geben, sich zu organisieren. Mutter- und Frauenarbeitsschutz blieben bis in die 1930er Jahre ein Streitpunkt der Frauenbewegungen auch auf internationaler Ebene und zwar zwischen der deutschen proletarischen wie bürgerlichen Frauenbewegung auf der einen Seite und Feministinnen im angelsächsischen Bereich, die darin – wie wir heute wissen zu Recht – ein Mittel zur Verhinderung strikter Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt sahen. Während nun Zetkin in ihrem Befreiungskampf durch Lohnarbeit die frauenspezifischen Probleme von Arbeiterinnen unterschätzte oder auch aus strategischen Gründen ignorierte, - auch Zetkin sprach im Aufruf zum Gebärstreik der Arbeiterinnen von den „heiligen Verpflichtungen der Mutterschaft,“ aus Sorge um die fehlende Zahl der „Soldaten für die Revolution“, profilierte sich die Mehrheit der bürgerlichen Frauenbewegung der Jahrhundertwende in der Verteidigung und Kultivierung von Mütterlichkeit. Sie versuchte, den „tragischen“ Konflikt der Frau zwischen Mutterschaft,  „den gattungsmäßigen Sonderaufgaben der Frau,“ und  „unvermeidlicher“ industrieller Frauenarbeit klassenspezifisch zu lösen (Weber 1919, S. 117). Ihr Maßstab war der „Kulturwert“, der in der beruflichen Tätigkeit gegenüber der Inanspruchnahme durch Familie und Mutterschaft zu suchen sei. „In den unteren Berufsschichten mit ihrer vorwiegend mechanischen und undifferenzierten Arbeit“ – so Helene Lange – „…wird Erwerbsarbeit nur in dem Maße wünschenswert sein, als sie neben dem Eheberuf, ohne seine Erfüllung zu beeinträchtigen, bestehen kann (Lange 1908, S. 89). Den Frauen in den „höheren Frauenberufen“ hingegen, „von der Lehrerin bis zu künstlerischen, literarischen, wissenschaftlichen Berufsausübungen,“ wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugestanden, zumal wenn sie sich ein Dienstmädchen leisten konnten. 
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Schon vor dem Ersten Weltkrieg – als notwendige Kompensation für die Befestigung der alleinigen Entscheidungs- und Vermögensrechte des Mannes in allen ehelichen Angelegenheiten im BGB von 1900 – wurde 1912 durch die Reichsversicherungsordnung (RVO) und 1913 durch die Versicherung für Angestellte (AVG) eine Hinterbliebenenversicherung in Form eine Witwen- und Waisenrente eingeführt. Und auch diese wurde zunächst klassenspezifisch geregelt: Während der Anspruch der  Angestelltenwitwe auf Unterhaltsersatz unbedingt war, konnte eine Arbeiterwitwe nur ausnahmsweise eine Rente erhalten, wenn sie nachweisen konnte, dass sie dauerhaft nicht erwerbsfähig, d.h. invalide war. Abgesehen davon, dass diese Beträge für Witwen und Waisen bis zur großen Rentenreform 1957 überaus gering waren (nur 40% der Ernährerrente), war und ist diese Einführung einer Familienhilfe, die auch eine Krankenversicherung enthielt, bis heute ein tragender Pfeiler des Ernährermodells.
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<strong>Die Institutionalisierung des Ernährermodells</strong><br>
Die grausame Geschichte des Ersten Weltkriegs hatte alle diese Differenzierungen zwischen Proletarierinnen und Bürgerlichen anscheinend überholt  zum einen, weil nun Frauen aller Schichten in der Kriegswirtschaft und für die Kriegsziele gebraucht und eingebunden wurden (der Krieg als Gleichmacher). Zum anderen, weil dieselben Frauen nach der zunächst erzwungenen Mobilisierung durch das ‚Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst‘ von 1916 nach Kriegsende durch sog.  Demobilmachungsverordnungen ebenso selbstverständlich wieder nach Hause geschickt wurden.  Mit dem ‚Zentralarbeitsabkommen‘ zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und den Gewerkschaften vom 15. November 1918, mit dem die freien Gewerkschaften nun auch von Staatswegen als „berufene Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt“ wurden, wurde die paritätische Mitbestimmung, die Tarifpartnerschaft und der Achtstundentrag als „Triumpf der Demokratie“ und „Sieg des Paritätsgedankens“ gefeiert (Neumann 1978, S. 161). Dieser Gründungsakt des deutschen Sozialstaats gilt als ein klassenübergreifender Kompromiss und war  doch zugleich ein Kompromiss „auf Kosten von Frauen“ (vgl. Gerhard 1988). Denn hiermit wurde für Jahrzehnte, bis in unsere Gegenwart hinein, das sozialpolitische Instrumentarium der Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungspolitik geschaffen, das die männliche Ernährerrolle definierte und institutionalisierte. Von nun an – mit den Demobilmachungs-Verordnungen zwischen 1918 bis 1923 sowie dem ersten Gesetz über die Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung von 1927, den Doppelverdiener Kampagnen und einem Beamtinnen Zölibat trotz bereits in der Weimarer Verfassung zugesicherter staatsrechtlicher Gleichberechtigung, bis zum Arbeitsförderungsgesetz von 1969 – wurden die strukturellen Barrieren gegen die Gleichberechtigung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in eine Rechtsform gegossen. Damit wurde legitimiert, dass Frauen bei Bedarf vom Arbeitsmarkt verdrängt oder bei allen Rechtsansprüchen auf eine eigene, nicht vom Ehemann abgeleitete soziale Sicherung diskriminiert werden konnten. Die §§ 6 und 7 der Demobilmachungs-VO v. 13.11.1918 lauteten: „Weibliche Personen sind nur zu unterstützen, wenn sie auf Erwerbstätigkeit angewiesen sind.“ (§ 6) Und noch deutlicher: „Personen, deren frühere Ernährer arbeitsfähig zurückkehren, erhalten keine Erwerbslosenunterstützung.“ (§7). Vor diesem Hintergrund waren die Gewerkschaften beinahe gezwungen, für einen Familienlohn und Familienzuschläge zu kämpfen. Im AFG von 1969, das auf dem Höhepunkt Keynesenianischer Steuerungspolitik, ebenfalls in einer konzertierten Aktion zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Staat ausdrücklich der „Eintritt oder Wiedereintritt weiblicher Arbeitssuchender in das Berufsleben“ fördern sollte, war die Formel für den Ausschluss von Frauen ein wenig verdeckter, aber ebenso wirksam: Anspruch hatte nur, wer dem Arbeitsmarkt „zur Verfügung steht“. In der Praxis der Arbeitsämter aber galt die Tatsache, Mutter zu sein, als „rechtliche und tatsächliche Bindung“, die Verfügbarkeit ausschloss (vgl. § 103 AFG). 
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In dieser Rückblende, mit der ich einen ‚roten Faden‘ über die bereits geschilderte Restauration der Geschlechterordnung nach 1945 gezogen habe, wurde die frauenfeindliche, pro-natalistische und rassistische Frauen- und Familienpolitik im Nationalsozialismus ausgelassen. Für unseren Zusammenhang bedenkenswert bleibt jedoch, wie es überhaupt geschehen konnte, dass die nationalsozialistische Mutterschaftsideologie mit symbolischer und finanzieller Honorierung des Kinderkriegens, mit Mutterkreuzen und Muttertagen etc. sowie das  autoritäre Muster der Familienverfassung nach Kriegsende nicht völlig desavouiert waren. Denn es muss verwundern, dass  die Restauration der bürgerlich-patriarchalen Geschlechterordnung nach 1945, die je nach Bedarf den Ausschluss legitimierte bzw. die partielle Zulassung von Frauen zum Arbeitsmarkt nur ermöglichte, falls dem keine Familienpflichten entgegenstanden, in der Rechtsnorm der Hausfrauenehe bis 1977 geltendes Familienrecht bleiben konnte. Auch im europäischen Vergleich ist bekanntlich die Rabenmutter ein einmaliges deutsches kulturelles Phänomen. So konnte noch Anfang der 1980er Jahre, nach Ablösung der sozial-liberalen Koalition und dem dramatischen Anstieg  der Arbeitslosigkeit, mit der Regierung Kohl auf dem Gebiet der Frauenpolitik eine konservative Wende eingeleitet werden. Quasi als Antwort auf die Forderungen der neuen Frauenbewegung erarbeiteten die CDA-Sozialausschüsse unter dem Titel „Die sanfte macht der Familie“ bzw. „Mütterlichkeit im neuen Gewand“ (1981) die Leitlinien neokonservativer Politik, in denen die Emanzipationsziele der Frauenbewegung vereinnahmt und gleichzeitig denunziert wurden. Die feministische Kritik an männlichen Erwerbsstrukturen, an der Abwertung von Haus- und Familienarbeit sowie die Forderung nach Gleichberechtigung unter Berücksichtigung der Geschlechterdifferenz wurden nun scheinheilig umgemünzt in die Aufforderung, „Mütterlichkeit, das unbezahlte Ehrenamt als „Eigenarbeit“ zu entdecken, denn „Mutterarbeit ist mehr als Erwerbsarbeit“ … „Mutterarbeit führt zur Selbstverwirklichung der Frau.“ (Leitsätze 12-15) (vgl. Gerhard-Teuscher 1982). Entsprechend war sich auch die Arbeitsmarktforschung in der BRD 1986 nicht zu schade, das trotz aller Krisen und Vereinbarkeitsprobleme stetige Anwachsen der Frauenerwerbsquote widerwillig als „widerständige Verhaltenskomponente in Richtung auf eine wachsende Erwerbsneigung“ zu deuten. (ANBA 3/1986, S. 203).
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<strong>1949ff.: BRD und DDR</strong><br>
Spätestens an dieser Stelle ist richtig zu stellen, dass sich alle bisherigen Äußerungen zur deutschen Familienpolitik nach 1945 nur auf Westdeutschland beziehen. Man kann sogar sagen, dass die westdeutsche Familienpolitik sich gerade auch in Abgrenzung zur DDR-Frauen- und Sozialpolitik als besonders konservativ profiliert hat, bildete doch das Negativbild sozialistischer Frauenemanzipation und insbesondere kollektiv organisierter Kindererziehung den Hintergrund aller westdeutschen Debatten um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um Wahlfreiheit und das ganz private Erziehungsrecht der Eltern. Im Gegensatz zur BRD sah die DDR-Verfassung von 1949 die unmittelbare Geltung der Gleichberechtigung der Frau nach Art. 7 vor und bemühte sich mit Beginn der 1950er Jahre um die praktische Durchsetzung. Ihre Verwirklichung galt als "eine der größten Errungenschaften" der DDR (Dokumente 1975:235), und diente Aus¬hängeschild sozialistischer Politik. Tatsächlich bestand in der Konkurrenz beider Systeme ein wesentlicher Unterschied in der Einbeziehung aller verfügbaren Kräfte, gerade auch der Frauen und Mütter, in den Arbeitsmarkt und in den vielfältigen sozialpolitischen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerb, nicht zuletzt im flächendeckenden Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen. Da die beiderseitige Berufstätigkeit der Ehepartner vorausgesetzt wurde, waren auch Unterhaltsansprüche der Ehegatten nach einer Scheidung auf 2 Jahre befristet (§ 24 FGB), eine Ernährerrolle des Mannes also nicht vorgesehen. Als Leitnorm galt ein Zwei-Verdienermodell. Schon 1970 lag deshalb die Erwerbsquote ostdeutscher Frauen um 20 Prozentpunkte über der westdeutschen. 1989 erreichte die Frauenerwerbsbeteiligung fast 90 Prozent (einschließlich der Studierenden und Auszubildenden) mit gleichzeitig hoher Mütterrate (90 % mit einem Kind)  im Gegensatz zu einer Frauenerwerbsquote von 55 Prozent in Westdeutschland, von denen 35% keine Kinder hatten (Winkler 1990, S. 78 et passim; Gerhard 1994). Im Vereinigungsprozess, der von den Regierenden im Westen dominiert wurde, gingen westdeutsche Politiker und Gewerkschafter Anfang der 1990er Jahre tatsächlich davon aus, dass die hohe Erwerbstätigenquote der ostdeutschen Frauen im Wege der Anpassung an westdeutsche Verhältnisse zu ‚normalisieren’ sei (IG-Metall-Kongress Berlin 1991).
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Bisher habe ich mehr erzählt über die Vorgeschichte des Ernährermodells im 19. Jahrhundert und seine rechtsförmige Etablierung und Institutionalisierung als über mein eigentliches Thema, den Abschied vom Ernährermodell. Es ist hoffentlich  dennoch deutlich geworden, dass es sich bei diesem Modell in der Tat eher um ein politisches Konzept und einen sehr wirkmächtigen Diskurs, aber keinesfalls um die ökonomische Realität der vergangenen 150 Jahre handelte. Was Frauen und Mütter tatsächlich zum Unterhalt ihrer Familien durch bezahlte und unbezahlte Arbeit beigetragen haben, lässt sich – und das ist Teil des Problems – eben nicht allein oder überhaupt nicht in Lohn- und Geldwerten beziffern. Gleichwohl ist unstrittig, dass das Ernährermodell sowohl als Leitnorm und Legitimation hierarchischer Geschlechterverhältnisse, erst recht aber in seiner ökonomischen Basis inzwischen überholt ist und nur noch für eine „Minderheit der berufsfachlich qualifizierten Normalarbeitnehmern“(Schröder/Schäfer 2013) praktizierbar ist. Denn auch in Westdeutschland ist es in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch ein sog. modernisiertes Ernährermodell abgelöst worden, das durch die Kombination von männlicher Vollzeit und weiblicher Teilzeit gekennzeichnet ist. Daneben ist die Aufmerksamkeit angesichts steigender Frauenerwerbstätigkeit auch  auf Zweiverdiener-Modelle sowie auf Frauen als Familien-Ernährerinnen und deren prekäre Lebenslage gelenkt worden (vgl. Klammer et al. 2012). 
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Die These vom Verschwinden des Ernährermodells ist dennoch fragwürdig, weil  Recht und Politik widersprüchliche Botschaften aussenden und diese Widersprüche für neue soziale Missstände gesorgt haben: Einerseits wird das Ehegattensplitting (nun auch für registrierte homosexuelle Partnerschaften) sowie die Mitversicherung der Familienangehörigen in der Krankenversicherung aufrechterhalten, zum anderen ist die Ehe als Versorgungsinstitut durch die Neuregelung des Unterhalts nach einer Scheidung  (seit 2008) abgeschafft worden mit dem Ziel, die ökonomische Unabhängigkeit beider Partner und die „Eigenverantwortung der Frau“ zu stärken. Diese bruchstückhafte, halbherzige und widersprüchliche Kurskorrektur westdeutscher Familien- und Geschlechterpolitik (Gerhard 2010), die neue soziale Ungleichheiten bewirkt und zu einer Verschärfung der Armutsrisiken gerade von Frauen und Kindern geführt hat, ist inzwischen vielfältig untersucht und wird auch auf dieser Tagung in ihren problematischen Folgen für die „Geschlechterungleichheiten in der Arbeit“ das Thema sein.
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<strong>1989 als Zäsur</strong><br>
Die Schwierigkeit, einen Diskurs über Geschlechtergerechtigkeit zu führen und die sich vergrößernde Schere zwischen Arm und Reich an die Spitze der politischen Agenda zu stellen, hängt eng mit der weltpolitischen Entwicklung seit 1989 zusammen. Nachdem mit dem Wegbrechen der Systemkonkurrenz nach 1989 vorläufig der leistungsorientierte Wettbewerbsstaat kapitalistischer Prägung gesiegt hat, sind globale, europäische und inländische Transformationsprozesse in Gang gekommen, die die Arbeitsmärkte und Erwerbsmuster, aber auch die Lebensformen, individuellen Bedürfnisse und Abhängigkeiten grundlegend verändert haben. Unter der Dominanz neo-liberaler Prinzipien und den Gesetzen des Marktes, nicht zuletzt in Folge der Vorgaben einer europäischen Beschäftigungspolitik haben die nationalen Regierungen auf Privatisierung, Deregulierung, den Rückzug des Staates gesetzt und den Sozialabbau vorangetrieben. Auf den transnationalen Arbeitsmärkten sind die Transformationsprozesse zudem begleitet vom Sinken der Reallöhne, der Flexibilisierung und Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse und wachsender Instabilität von Arbeit und Leben. Obwohl die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland weiterhin ständig zugenommen hat (die Quote liegt bei 66,4 %), ist der Umfang ihrer Arbeit gleichwohl fast gleich geblieben. Denn nur 55 % von ihnen gehen einer Vollzeitbeschäftigung nach, 32 % arbeiten in Teilzeit, 13 % Prozent in prekären Arbeitsverhältnissen. Im Vergleich dazu arbeiten der Männer zu 91 % Vollzeit; 5% Teilzeit und 4 % in prekären Arbeitsverhältnissen (WSI, GenderDatenPortal 2014). Nicht mitgezählt sind die Millionen in haushaltsnahen Dienstleistungen und Sorgetätigkeiten irregulär beschäftigter ‚Schwarz‘-Arbeiterinnen (häufig Migrantinnen), die die Berufsarbeit der in Vollzeit beschäftigter Frauen oft erst ermöglichen. Das sind z.B. die sog. Zugeh-Frauen, die zusätzlich sich zu einem Mini-Job nicht legal anmelden und versichern können, weil 450 €  die Verdienstgrenze ist und die Notwendigkeit besteht, bei jedem Cent darüber hinaus aus der Familienversicherung aussteigen und sich auf eigene Kosten neu versichern zu müssen – Verdienstmöglichkeiten, die sich nicht rechnen und intolerabel sind (vgl. dazu Deutscher Frauenrat, „Minijobs – Wege in die Armut“ 2010 https://www.frauenrat.de/uploads/media/101109_Positionspapier_Minijobs_01.pdf; v-vgl. auch „Gemeinsamer Aufruf: Menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte“, sopo<i>aktuell</i> Nr. 179, 2014). </p>
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Die Folgen sind bekannt: Ein eingefrorener hoher Gender Pay Gap, die Befestigung der geschlechtshierarchischen Segregation auf dem Arbeitsmarkt und die Persistenz familiärer Arbeitsteilung; nicht erst Altersarmut, sondern auch vorher schon Kinderarmut und ein Leben unterhalb jenes Standards an „wirtschaftlicher Wohlfahrt und Sicherheit“, die T.H. Marshall in seiner berühmten Definition „sozialer Bürgerrechte“ als Mindestmaß für ein zivilisiertes Leben beschrieben hat (Marshall 1992 [zuerst 1950], S. 40; vgl. Lister et al. 2007). 
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<strong>Das <i>adult worker</i>-Modell</strong><br> 
Vor diesem Hintergrund, das <i>adult worker</i>-Modell als Ablösung des männlichen Ernährermodells zu beschreiben oder gar als Modell der Zukunft zu akzeptieren, halte ich für sehr problematisch. Zweifellos ist die Rede vom adult worker aus den Zielsetzungen der Europäischen Union als Wirtschaftsgemeinschaft  und als gemeinsamer Markt entstanden, in dem es vor allem anderen um die Förderung der Beschäftigung, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit um die Einbeziehung aller Individuen, also auch die „Chancengleichheit von Männern und Frauen“ geht (EG-Vertrag Art. 136/137). Implementiert werden sollte dies durch die Europäische Beschäftigungsstrategie, die im Amsterdamer Vertrag Art. 129 vorgegeben, durch Richtlinien und den Vertrag von Lissabon seit  2002 jährlich als gemeinsames Programm befestigt wurde. Diese Politik sieht vor, Europa zur wettbewerbsstärksten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt zu machen. Doch die  einseitige Ausrichtung auf den Markt und das Ausblenden aller unbezahlten und unentbehrlichen Sorgetätigkeiten, ja, das Fehlen sozialpolitischer Rahmenbedingungen sowie sozialer Bürgerrechte im weitesten Sinn, ist von Europaexpertinnen und Feministinnen früh und kontinuierlich kritisiert worden (Meehan 1993; Hoskyns 1998; vgl. auch Gerhard 2000).</p>
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Wenn inzwischen mit Rückgriff auf Jane Lewis immer wieder das <i>adult worker</i>-model als wissenschaftliches Konzept zitiert wird (Lewis 1992; Giullari/ Lewis 2005), so wird dabei übersehen, dass Lewis dieses Modell europäischer, teilweise auch nationaler Politiken,(Vgl. dievon ‚new labour‘proklamierte Politik, die als „dritter Weg“ unter der Regierung Schröder auch die deutsche Sozialdemokratie anleitete.) jedoch in kritischer Absicht, aus der Kritik an dem individualisierenden, neo-liberalen Ansatz der EU-Sozialpolitik in die Debatte eingeführt hat. Ihre Befürchtung, dass anstelle des male-breadwinner Modells nun der <i>adult worker</i> eine Leitbildfunktion übernehmen könnte, hat sie dabei mit Gesellschaftsanalysen Beck’scher und Giddens’scher Provenienz unterlegt, die möglicherweise zu dem Missverständnis, eine Ist-Analyse zu sein, beigetragen haben (vgl. Beck 1986; Beck/ Beck-Gernsheim 1994; Giddens 1996). Die Individualisierungstheorien dieser Autoren haben seit den 1990er Jahren zweifellos einen Zeitgeist abgebildet und mit Begriffen wie Wahlfreiheit und Wahlzwänge, De-familialisierung, die Erosion des Sozialen, <i>patch-work</i>-Biographie etc. Politik und Gesellschaft ein Begriffsinstrumentarium an die Hand gegeben, das Verunsicherung und Risiken beschrieb. Gleichwohl hat dieses nachgerade populäre Vokabular die Verhältnisse nicht einmal soziologisch differenziert beschrieben, allenfalls Fehlentwicklungen affirmiert, anstatt sie gestalten und verändern zu wollen (vgl. zur Kritik auch Daly 2011). </p>
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	Dabei lässt sich der Begriff <i>adult worker</i> sprachlich nicht einmal treffend ins Deutsche übertragen – gewiss ist es nicht der „Erwerbsbürger“, wie häufig geschieht, denn „dem alleinstehenden, nicht partnerschafts-, ehe- oder familienbehinderten …Marktsubjekt“ (Beck 1986, S. 191) fehlt genau die Sozialität und Zivilität, die den Bürger/ die Bürgerin mit Hilfe von politischen, zivilen und sozialen Rechten ausmacht. Vor allem aber unterschlägt die anscheinend geschlechtsneutrale Begrifflichkeit wieder einmal alles, was feministische Theorie und Geschlechterforschung seit den Debatten über Hausarbeit, Reproduktion, unbezahlten Beziehungsarbeit und schließlich über ‚Care‘, die Unsichtbarkeit und Unentbehrlichkeit fürsorglicher Praxis erforscht und als vorrangige politische und gesellschaftliche Aufgabe angemahnt haben. Es ist das alte, an männlicher Lebensweise orientierte Missverständnis von Autonomie und Freiheit, das in dem Vergleich von Menschen mit „Pilzen“ zum Ausdruck. Seyla Benhabib hat das in der abendländischen Philosophie berühmte Zitat von Thomas Hobbes zur Kennzeichnung feministischer Kritik in Erinnerung gebracht. Die Menschen lassen sich nicht  betrachten „als ob sie eben aus der Erde gesprießt und gleich Pilzen plötzlich ohne Beziehung zueinander gereift wären.“ (Zit.n. Benhabib 1989S. 464) Dies ist die Vorstellung von einem Individuum, das das Geborenwerden verleugnet, keine Mutter und Vater hat, auf niemanden angewiesen ist und für niemanden zu sorgen hat, ein „autonomes Ich, das kein Bewusstsein von den Grenzen seiner Begierden und Leidenschaften hat“ (Benhabib, ebd.) und unfähig ist, mit anderen mitzufühlen.</p>
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Die von der Geschlechterforschung angezettelte <i>Care</i>-Debatte hat uns die für den „Wohlstand der Nationen“ (Adam Smith, 1776) unentbehrliche Grundlage, den Reichtum gesellschaftlicher Solidarität/ Empfindungen (sentiments)  und wechselseitiger Fürsorglichkeit erkennen lassen. Sorge für andere/Care ist das große Thema, das uns gegenwärtig international, europäisch und im Privaten alle angeht und beschäftigt (vgl. hierzu beispielhaft Aulenbacher/ Riegraf/ Theobald 2014). Ich bin gespannt, ob es uns auf dieser Tagung gelingt, die Diskurse über male breadwinner und adult worker kritisch zu hinterfragen und beiseite zu legen, stattdessen aber die gesellschaftliche und notwendige Organisation und Anerkennung von Care auf die politische Agenda zu setzen. 
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<a href="http://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/v_2015_09_17_gerhard.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Literaturliste siehe PDF</a><br><br>




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		<title>Feministische Perspektiven in der Soziologie – Verschüttete Traditionen und kritische Interventionen*</title>
		<link>https://ute-gerhard.de/feministische-perspektiven/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 24 Jun 2020 12:57:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<strong>Mittagsvorlesung auf dem 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie</strong> in Frankfurt am Main 2010

In der Geschichte der Soziologie ist es immer noch geboten, nach dem besonderen Beitrag von Frauen zu dieser Disziplin zu fragen, auch 100 Jahre nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, zumal dann, wenn selbst in neuesten Veröffentlichungen anlässlich ihres Jubiläumskongresses die Geschichte der Soziologie wiederum als exklusiv männliche konstruiert wird. Dabei geht es mir nicht um ]]></description>
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Mittagsvorlesung auf dem 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010: „Feministische Perspektiven in der Soziologie: Verschüttete Traditionen und kritische Interventionen“, in: Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen der 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, hg. v. Hans-Georg Soeffner, Wiesbaden: Springer 2013 Bd. 2, 757-773.
Überarbeitet in: „Für eine andere Gerechtigkeit…“, S. 249-276</p>
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In der Geschichte der Soziologie ist es immer noch geboten, nach dem besonderen Beitrag von Frauen zu dieser Disziplin zu fragen, auch 100 Jahre nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, zumal dann, wenn selbst in neuesten Veröffentlichungen anlässlich ihres Jubiläumskongresses die Geschichte der Soziologie wiederum als exklusiv männliche konstruiert wird. Dabei geht es mir nicht um die Rehabilitation einzelner Autorinnen oder um eine eigene, spezifisch weibliche Traditionsbildung, auch nicht nur um den Versuch, Lücken zu schließen im Sinne der Addition oder Ergänzung einer bisher einseitigen Kanonbildung. Vielmehr leitet mich die weit kühnere  These, dass das Verschweigen bzw. die Ausblendung des Beitrags von Frauen aus dem soziologischen Diskurs unser Wissen über gesellschaftliche Wirklichkeit verfälscht und die Soziologie selbst immer wieder daran gehindert hat, zentrale Problemstellungen im modernen Vergesellschaftungsprozess empirisch oder theoretisch angemessen zu analysieren. Wenn die Soziologie als theoretisch und methodisch angeleitete Erfahrungswissenschaft ihre Ergebnisse und Analysen als überprüfbar und nachvollziehbar und damit als valide bezeichnen will, so muss die systematische Nichtbeteiligung einer bestimmten Kategorie von Menschen, von Frauen, an der Erforschung sozialer Sachverhalte und der Deutung ›sozialer Tatsachen‹ sowie die Nichtberücksichtigung ihres Erfahrungsraums zwangsläufig zu unvollständigen oder verzerrten Ergebnissen führen. Dies ist umso widersprüchlicher, als gerade in der Gründungszeit der neuen Wissenschaft die gesellschaftlichen Vorannahmen und Erwartungen einseitig dem weiblichen Geschlecht die Zuständigkeit für das ›Soziale‹, die Pflege und Praxis der sozialen Beziehungen überantworteten, und die Gründungsväter (allen voran Lorenz von Stein, aber auch Auguste Comte, Frédéric Le Play, Wilhelm Heinrich Riehl, ebenso Ferdinand Tönnies u.a.) den Wirkungskreis der Frau, die Familie, als soziale Basiseinheit einer von Krisen geschüttelten Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Gesellschaftsanalyse stellten, um ihr eine unentbehrliche, den gesellschaftlichen Zusammenhalt stabilisierende Rolle zuzuschreiben.</p>
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Nun ist die besondere Nähe der Frauen zur Soziologie und zugleich die Affinität zwischen Frauenfrage und sozialer Frage in den Anfängen der Soziologie schon mehrfach thematisiert worden, suchte doch die neue um Anerkennung ringende Wissenschaft spezifische Antworten auf die Krisenphänomene der modernen Gesellschaft zu geben. Dabei stützt sich  Theresa Wobbe mit ihrer These von der »Wahlverwandtschaft« zwischen der »Soziologie und den Frauen auf dem Weg zur Wissenschaft« auf eine Klassikerin sozialwissenschaftlicher Frauenforschung, auf Viola Klein und ihr 1946 erschienenes Buch <i>The Feminine Character</i>. Denn schon Klein begründet die besondere Affinität von Frauen zur Soziologie (<i>»the peculiar a nity between the fate of women and the origin of social science«</i>) mit einem doppelten Argument:
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»Es ist kein Zufall, dass die Emanzipation der Frauen zur gleichen Zeit ihren Ausgang nahm wie die Soziologie. Beide waren das Ergebnis eines Umbruchs in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sowie radikaler Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur. [...] Aber die Beziehung zwischen Frauenemanzipation und Sozialwissenschaft erklärt sich nicht nur aus dem gemeinsamen Ausgangspunkt, sondern war viel direkter: Die humanitären Interessen, die die Anfänge der Sozialwissenschaft bestimmten, sowie die praktische soziale Arbeit eröffneten tatsächlich eine ›Hintertür‹, durch die Frauen ins öffentliche Leben schlüpften.«<sup>10</sup>
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Viola Kleins Interpretation der Zusammenhänge zwischen Frauenbewegung, Feminismus und Soziologie bietet mannigfache Einsichten. Doch trotz dieser Vorarbeiten und beachtenswerter Neuerscheinungen zum Thema Frauen in der Soziologie<sup>11</sup> nimmt die Geschichte der Disziplin von diesen Außenseiterinnen und, wie es scheint, Ausnahmeerscheinungen keine Notiz, weder in der Geschichte soziologischer Theorie noch im Hinblick auf die nicht unbedeutenden Pionierleistungen einiger Forscherinnen am Beginn der empirischen Sozialforschung in Deutschland (eine Ausnahme bildet mit wenigen Hinweisen Horst Kern).<sup>12</sup> Diese Fehlstelle in der Wissenschaftsgeschichte ist weder eine Besonderheit der Soziologie noch überhaupt verwunderlich in Anbetracht der Tatsache, dass Frauen in Deutschland schließlich erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts studieren durften und ihren wissenschaftlichen Karrieren bis heute strukturelle und ideologische Barrieren entgegenstehen. Wenn ich gleichwohl einen großen Bogen schlage von den Anfängen der Soziologie bis in die Gegenwart, so geht es mir darum, noch einmal zu begründen, warum die kritischen Interventionen von Frauen sowie feministische Perspektiven in der Soziologie gerade auch für die Analyse der Gegenwartsgesellschaft Beachtung verdienen. In seinem Beitrag <i>Die Juden und die Soziologie</i> von 1961 reflektiert René König darüber, warum gerade jüdische Gelehrte »in allen Ländern einen hervorragenden Beitrag zur Entwicklung der Soziologie [...] geleistet haben«. Er erklärt »die besondere Affinität des jüdischen Gelehrten zur Soziologie« aus der erzwungenen soziokulturellen Randstellung, die zur »Freiheit der Distanz« gewendet »zu einem Wissen eigener Art kulminiert«.<sup>13</sup> Der Vergleich trifft auch für Frauen und bei jüdischen Wissenschaftlerinnen in doppelter Weise zu. Doch dass das Ausgeschlossen sein, das Gefühl des Fremdseins, die erzwungene Distanz in besonderer Weise zur Wahrnehmung sozialer Differenzierung und Ungleichheit befähigen und die soziale Kritik an den angeblich natürlichen Gegebenheiten als Machtverhältnisse entlarvt, ist ohne Zweifel eine besondere Befähigung, ›situiertes Wissen‹ zu produzieren und im Nachdenken über die eigene Situation bis an die Wurzeln der Existenz, das heißt, radikal neu zu denken.
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Im Folgenden kann ich nur beispielhaft vorgehen, weshalb meine Auswahl angesichts einer beachtlichen Zahl möglicher Referenzen und Autorinnen willkürlich erscheinen mag. Den ›roten Faden‹ bilden die Diskurse über die Geschlechterdifferenz, die als genuin soziologische Fragestellungen um die Kontext- und Konstruktionsbedingungen der Geschlechterungleichheit kreisen und bei denen es im Kern immer wieder um die Prozesse der Arbeitsteilung und zunehmender sozialer Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaften geht. Arbeitsteilung nicht nur im Sinne August Comtes, der davon ausging, dass sie zwangsläufig zur Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts führe, sondern der soziologischen Spezifizierung bei Émile Durkheim folgend, wonach Arbeitsteilung nicht nur ein ökonomisches Phänomen, sondern als Voraussetzung und »Quelle der organischen Solidarität« zu verstehen ist:</p>
<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Das Ideal der menschlichen Brüderlichkeit [sic!] kann sich nur in dem Maße erfüllen, in dem die Arbeitsteilung fortschreitet. [...] Wenn die Arbeitsteilung aber die Solidarität erzeugt, so nicht nur darum, weil sie aus jedem Individuum einen Austauschpartner macht, wie die Ökonomen sagen. Sie erzeugt unter den Menschen vielmehr ein ganzes System von Rechten und Pflichten, das sie untereinander dauerhaft bindet.«<sup>14</sup></p></blockquote>
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Jenny P. d’Héricourt als Opponentin von Auguste Comte</h2>
Meine erste Protagonistin, mit vollem Namen Jeanne-Marie-Fabienne Poin- sard (1809–1875), die sich später das Pseudonym d’Héricourt zulegte, ist eine bisher »weitgehend unbekannte Denkerin«, so Caroline Arni und Claudia Honegger, auf deren Grabungsarbeiten ich mich im Folgenden stütze.<sup>15</sup> D’Héricourt bezeichnete sich selbst als » lle de mon siècle« – als Tochter ihres Jahrhunderts –, denn sie war geprägt von den sozialen und politischen Bewegungen des Frühsozialismus, des Saint-Simonismus und beteiligte sich aktiv, literarisch und politisch, am frühen Feminismus in Frankreich um die 1848er Revolution. Da es formal für sie auch in Frankreich keine Zulassung zum Medizinstudium gab, machte sie zunächst ein Diplom in homöopathischer Medizin und ließ sich später zur Hebamme ausbilden. Sie veröffentlichte 1844 anonym einen sozialkritischen Roman und publizierte ab 1847 im Presseorgan der Kommunisten <i>Le populaire</i> sowie in der feministischen Zeitschrift <i>La voix des femmes</i>. Als die 1848er Revolution auch in Frankreich scheitert und mit dem Zweiten Kaiserreich erneut die Reaktion siegt, ist sie nicht bereit, sich darin einzurichten, vielmehr fordert sie die »modernen Denker/Neuerer« – »Michelet, Proudhon, Comte [...]« – zu einem öffentlichen Disput über deren Gesellschaftstheorie und Geschlechterphilosophie heraus. Die <i>Revue philosophique et religieuse</i>, eine linksliberal protestantische Zeitschrift in Paris sowie die norditalienische Zeitschrift <i>La Ragione</i> in Turin eröffnen ihr in den 1850er Jahren ein Forum, in dem sie ihre Kritik an den Größen der Zeit über Frankreichs Grenzen hinaus formulieren kann, unter anderem an Auguste Comtes <i>Katechismus der positiven Religion</i><sup>16</sup> oder an Pierre Joseph Proudhons dem Vordenker der westeuropäischen Arbeiterbewegung und dessen Denkschrift <i>Was ist Eigentum?</i> <sup>17</sup> D’Héricourt argumentiert klug, oft ironisch und sarkastisch, weil anders der männliche Chauvinismus offenbar nicht zu bewältigen war, und versteht es, sich in den zeitgenössischen Debatten als Intellektuelle Gehör zu verschaffen. Sie zitiert und analysiert die misogynen Doktrinen ihrer Gegner, die den Geschlechterdualismus und die Abwertung der Frau als Wissenschaft betreiben, um sie sowohl in naturwissenschaftlicher Perspektive (im Diskurs über Biologie, Körper und Hirn der Frau) als auch mit ihrer beharrlichen Analyse der sozialen Dimensionen des Geschlechterverhältnisses gründlich zu widerlegen. Proudhon lässt sich zunächst auf mehrere ebenso überhebliche wie seine Kritikerin degradierende Antworten ein, um im Weiteren den Disput zu verweigern mit dem Argument, die Auseinandersetzung mit einer Frau in der Öffentlichkeit nur noch über einen männlichen Vertreter führen zu wollen.<sup>18</sup></p>
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Die Befreiung der Frau und ihre rechtliche Gleichstellung war für d’Héricourt nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern die logische Konsequenz des revolutionären Erbes. Denn sie war eine Aufklärerin, die für die Einlösung der Prinzipien der Französischen Revolution, für individuelle Freiheit und soziale Gleichheit, gegen die konservative Reaktion eintrat. Bemerkenswert ist, dass d’Héricourt nicht ›nur‹ die Rechte von Frauen einklagt, sondern die Forderung nach rechtlicher und sozialer Gleichstellung der Frauen gesellschaftstheoretisch, d. h. soziologisch und rechtsphilosophisch begründet.<sup>19</sup> Als frühe soziologische Denkerin und intelligente Kritikerin der zeitgenössischen, auf der Dualität der Geschlechter beruhenden Gesellschaftstheorien widerlegt sie ausführlich die Sozialphilosophen ihrer Zeit, allen voran Auguste Comte, seine Klassifizierungen nach Kaste, Klasse oder Geschlecht und die von ihm analog zur Naturwissenschaft begründeten Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung. D’Héricourt beharrt darauf, dass die Differenz der Geschlechter kein Naturgesetz sei, sondern Folge einer gesellschaftlichen Ordnung, erfundener Vorurteile, einer fehlgeleiteten Erziehung und sozialen Praxis, die dazu diene, »eure Privilegien zu bewahren« – »die traurigen Produkte eures Egoismus, eurer grässlichen Herrschsucht«.<sup>20</sup> Comte war es, der zur Bezeichnung der neuen Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft in seinen <i>Cours de philosophie positive</i> (1838) für seine »soziale Physik« den Begriff »Soziologie« erfand. Im System der Wissenschaften, das er in drei Stadien der Erkenntnis einteilte, sollte die Soziologie als letztes krönendes Stadium die Gesetzmäßigkeiten der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung erklären und als positive Wissenschaft die Grundlagen für menschlichen Fortschritt liefern. Konstitutiver Bestandteil dieser Gesellschaftsordnung aber war eine Geschlechterordnung, die die Unterordnung und Minderwertigkeit der Frau zu deren Natur und Bestimmung erklärte und darin – für Generationen von Wissenschaftlern, nicht zuletzt Soziologen, beispielhaft und im Hinblick auf die Geschlechterfrage unwidersprochen – begründete, warum die »chimärischen, revolutionären Reden über die angebliche Gleichheit der Geschlechter« wissenschaftlich unhaltbar seien, und warum »die unvermeidliche, natürliche Unterordnung des Weibes unter den Mann« auch in einer dem menschlichen und gesell- schaftlichen Fortschritt huldigenden »positiven« Wissenschaft »ernstlich nicht zu bestreiten« wäre:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Die einzig möglichen Resultate eines sinnlosen Kampfes gegen die Naturgesetze, der auf Seiten der Frauen neue unwillkürliche Beweise ihrer eigenen Inferiorität liefern würde, könnten nur darin bestehen, ihnen, unter schweren Störungen der Familie und der Gesellschaft, die einzige Art Glück zu versagen, die für sie mit der Gesamtheit dieser Gesetze vereinbar ist.«<sup>21</sup></p></blockquote>
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Es handelt sich in den beliebig zu erweiternden Zitaten nicht nur um Randbemerkungen eines lediglich konservativen, gegen die Folgen der Französischen Revolution argumentierenden Zeitgenossen, sondern um zentrale Aussagen bürgerlicher Gesellschafts- und Geschlechtertheorie. Dies zeigt sich an dem systematischen Stellenwert, den die Familie als Grundlage der sozialen Ordnung gerade in der krisenhaften Entwicklung der modernen bürgerlichen Gesellschaft fortan in der Soziologie als ›Krisenwissenschaft‹ einnehmen wird.<sup>22</sup> Für Comte ist die Familie, der soziale Ort, die Aufgabe und die Arbeit der Frauen, das »unerlässliche Mittelglied zwischen dem Begriff des Individuums und [...] dem der Gesellschaft«. Diese Familie ist durch »vollkommene Innigkeit« gekennzeichnet und setzt in den menschlichen Beziehungen »gewisse Ungleichheiten« und ihre »unerlässliche Unterordnung«<sup>23</sup> voraus. Damit aber wird ihre Ordnung aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgelöst und verschwindet auch in der Soziologie in einem Séparée als rechtsfreier Raum und unsoziale Natur. D’Héricourt hingegen besteht darauf, dass Sozialität/Gesellschaftlichkeit unmittelbar durch Individuen, ohne gesetzliche Vormünder, konstituiert wird, die individuell verschieden sind, aber in der Gesellschaft gleiche Rechte und Pflichten haben. Denn Frauen sind Individuen, sind Menschen, »so bescheiden/unscheinbar sie sein mögen«.<sup>24</sup> Sie wirft Comte daher vor, »die Frauen zu annullieren«<sup>25</sup> – und dieser Vorwurf trifft die meisten ihrer gelehrten Zeitgenossen sowie das geltende Recht, man vergleiche nur die Bestimmungen im französischen <i>Code civil</i> oder des englischen <i>Common Law</i> (siehe Kap. 4). Wohl seien die Menschen untereinander, Männer und Frauen, individuell verschieden, so d’Héricourt, doch die Klassiffizierung in unterschiedliche Gruppen und ihre Hierarchisierung – sie erwähnt Kasten und Klassen, Weiße und Schwarze, Herren und Sklaven, Frauen und Männer – seien »Irrtümer des Geistes« und Anlass größten Elends, »der Unterdrückung, Ungerechtigkeit und größter Grausamkeit auf der einen Seite«, führten andererseits zu List, Niedertracht und Rache.<sup>26</sup> Die gegen Frauen immer wieder vorgebrachten Minderwertigkeiten aber seien die Folge falscher Erziehung, ungerechter Sitten und Gesetze, Produkt sozial ungleicher Bedingungen. Dagegen ist d’Héricourt fest davon überzeugt, dass unterschiedliche Anlagen und Fähigkeiten sowie die zunehmende Arbeits- und Aufgabenteilung eine soziale Kraft (<i>force sociale</i>)<sup>27</sup> und gesellschaftlich unentbehrlich seien. Denn der gesellschaftliche Fortschritt, den die Autorin uneingeschränkt bejaht, weil er Motor des sozialen Wandels und einer besseren Stellung der Frauen sei, erfordere eine andere soziale Moral, sei auf Kooperation und solidarische Beziehungen gerade zwischen Männern und Frauen, angewiesen, die Rechte und – ihr Korrektiv – die Pflichten aller Individuen berücksichtigen, anerkennen und zusammenführen.</p>
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In ihrem zweibändigen Hauptwerk <i>La Femme affranchie</i> (Die befreite Frau) aus dem Jahr 1860, einem brillanten und souveränen Resümee all ihrer Vorarbeiten, wird im ersten Band die Auseinandersetzung mit den Doktrinen ihrer Zeitgenossen systematisch dokumentiert und zu einer kritischen Gesellschaftstheorie weiterentwickelt. In der Form fiktiver Dialoge sowie in direkter Rede an die Leser_innen gewandt werden die vielfältigen Begründungen für die Minderwertigkeit der Frau in den jeweiligen Disziplinen, von der damals vielfach zu Hilfe genommenen Phrenologie, der Hirnforschung, bis zur Gesellschaftslehre, im Einzelnen ad absurdum geführt. Der zweite Band enthält darauf aufbauend eine fundierte Rechtskritik, die neben der detaillierten kritischen Kommentierung aller Frauen diskriminierenden Bestimmungen des französischen <i>Code civil</i><sup>28</sup> eine – wir würden heute sagen – feministische Rechtstheorie enthält. Ihr Ausgangspunkt sind die Rechte jedes Menschen, ihr Kern ist das Prinzip der Gleichheit der Geschlechter – im emphatischen Sinne der Aufklärung und als politischer Auftrag. Danach ist »Recht der legitime Anspruch jedes Menschen, seine Fähigkeiten (frei) zu entwickeln und anzuwenden [...] in den Grenzen der Gleichheit und den gleichen Pflichten gegenüber anderen.«<sup>29</sup> Denn Rechtspflichten sind für sie die andere Seite (das Korrelat) des Rechts zur Ausübung unserer Fähigkeiten in einer Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit gegründet ist. »Die Freiheit (aber) ist nicht die Macht, alles tun zu können, was man will oder fähig ist zu tun; die Freiheit ist die Ausübung der Fähigkeiten in den Grenzen der Gleichheit [... ]<sup>30</sup> – dies ist der Entwurf zu einer verbindlichen kollektiven Moral, einer feministischen Rechtsphilosophie, die unerhört zeitgemäß ist und auch noch die Probleme der Gegenwart trifft. Sie geht aus von der Verschiedenheit der »Individuen« (das ist ihr geschlechtsneutraler Begriff), die über Kooperation und Austauschbeziehungen Gleichheit und Gerechtigkeit stiften und in einem gerechten, ausgewogenen Verhältnis die Rechte <i>und Pflichten</i> von Frau <i>und</i> Mann verhandeln.<sup>31</sup></p>
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In diesen Anfängen der Soziologie, als es der neuen Disziplin im Wissenschaftssystem darum gehen musste, Anerkennung zu finden,<sup>32</sup> erfolgte die Grenzziehung zwischen Autoren und Kritikern, Wissenschaft und sozialer Praxis, zwischen den Denktraditionen der Aufklärung und Gegenaufklärung, aber auch zwischen Männern und Frauen. Und auf diesem noch nicht markierten Neuland zwischen Philosophie, politischer Ökonomie, sozialer Politik und ›Gesprächen am Damentisch‹ stellt sich die Frage, wer mehr Wissenschaftlichkeit beanspruchen kann: Diejenigen, die als Wissenschaftler in ihrer notorischen Polemik gegen Frauen in der Wissenschaft entweder unverblümt ihre Misogynie entlarven und einseitig ihre Geschlechtsinteressen vertreten bzw. sich des Problems durch Mystifizierung oder Romantisierung entledigen,<sup>33</sup> oder diejenigen, die mit den Mitteln all ihrer Vernunft ebenso unerhört wie engagiert ihren sozialen und rechtlichen Status als Gleiche und Gefährtinnen reklamieren?</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>»Mit einer falschen Moral, das Recht negierend, können Sie die Gesellschaft nicht auf glückliche Weise organisieren. [...] Denn sie [die Frau] kümmert sich nicht mehr um Anbetung, sie will Respekt und Gleichheit. Sie will ihren Verstand und ihre Tatkraft ohne Fesseln in Wirkungsbereichen entfalten können, die ihren Fähigkeiten entsprechen. [...] Durch die Arbeit des Krieges hat sich das Patriarchat konstituiert, in der friedlichen Arbeit hat sich die Leibeigenschaft emanzipiert; es ist ebenfalls <i>durch die Arbeit</i>, dass die Frau ihren Anspruch auf die bürgerlichen Rechte erhebt.«<sup>34</sup></p></blockquote>
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Noch bevor sich die Soziologie als Fachdisziplin für ›das Soziale‹, für die sozialen Beziehungen und das soziale Handeln leitenden Normen als Gegenstand, als <i>faits socials</i>, profilieren konnte, hat Jenny P. d’Héricourt mit ihrer deutlichen Positionierung der Frau als gleichberechtigtes und gleichverpflichtetes Individuum darauf insistiert, dass die moderne Gesellschaft auf Solidarität und Sozialität gegründet und angewiesen ist. Vor Emile Durkheim, der angesichts der Differenzierungsprozesse in der modernen Gesellschaft das Konzept der »organischen Solidarität« entwickelte, um damit das für den sozialen Zusammenhalt unentbehrliche Ensemble von gemeinsamen Wertvorstellungen, Regeln und gesellschaftlichen Erwartungen zu beschreiben,<sup>35</sup> hat d’Héricourt früher und dezidierter als die ›Klassiker der Soziologie‹ Antworten auf die Geschlechterproblematik in der bürgerlich liberalen Gesellschaft gefunden. Sie hat damit einen innovativen und anschlussfähigen Beitrag zur Gesellschaftstheorie geleistet. Das Problem ist nur, dass dieser Beitrag in der Disziplin nicht zur Kenntnis genommen oder wieder vergessen wurde.</p>
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<h2>Pionierinnen der empirischen Sozialforschung um 1900</h2>
Im folgenden Abschnitt soll es um die Gruppe von Sozialforscherinnen gehen, deren bahnbrechende Arbeiten Viola Klein in ihrer wissenssoziologischen Studie über Weiblichkeitstheorien an der Wegkreuzung zwischen Sozialreform, Frauenbewegung und Sozialwissenschaften erwähnt.<sup>36</sup> Mit der Hinwendung zur Frauenfrage als sozialer Frage hatte die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ja nicht nur die Durchsetzung ihrer Eigeninteressen, Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung zum Ziel, sondern sah ihre Aufgabe als soziale und politische Bewegung darin, an der gesellschaftlich notwendigen Reform und neuen Formen gesellschaftlicher Solidarität zwischen den Geschlechtern und Klassen mitzuwirken. Deshalb engagierten sich die Frauen in sozialen Projekten, die anders als die bisherige Armenfürsorge oder philanthropische Wohltätigkeit Hilfe zur Selbsthilfe, berufliche Bildung, Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und Rechtsberatung boten. Der wichtigste und nachhaltigste Beitrag war die Professionalisierung der sozialen Arbeit, in der sie Mitgefühl und Fürsorglichkeit auf eine wissenschaftliche Grundlage stellten. Alice Salomon war hier für Deutschland die entscheidende Wegbereiterin, wie Jane Addams für die USA, die durch die Einrichtung von sozialen Frauenschulen und Akademien für soziale und pädagogische Frauenarbeit internationale Standards setzte.</p>
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Auf der anderen Seite waren da die Bemühungen und Kämpfe um Frauenbildung, um Zugang zu Wissen zu erlangen, um Aufklärung der Ursachen sozialen Elends und gesellschaftlicher Konflikte, die erst zur Mitwirkung befähigten. <i>Wissen ist Macht</i> lautete der Wahlspruch der bürgerlichen Frauenbewegung, <i>Savoir pour prévoir</i> hatte Comte das Motiv für seine neue Wissenschaft von der Gesellschaft, der Soziologie, formuliert. In dieser Zielsetzung nun trafen sich die Sozialreformer des 19. Jahrhunderts mit engagierten Frauen, deren Interesse den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen galt. In Deutschland war es der <i>Verein für Sozialpolitik</i>, ein Zusammenschluss führender Gelehrter, Nationalökonomen und Staatswissenschaftler, neben bürgerlichen Interessenten und Experten, der 1873 gegründet mit einer Fülle von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, Gutachten und Enqueten »die für Staat und Gesellschaft dringende Aufgabe der friedlichen Reform« in Angriff nahm.<sup>37</sup></p>
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Diese sogenannten »Kathedersozialisten« waren es auch, allen voran Gustav Schmoller und Lujo Brentano sowie Max Sering und Heinrich Her- kner, Gustav Cohn, die die Beteiligung von Frauen vor der Zulassung zum Frauenstudium als Autodidaktinnen und in privaten Studien begrüßten, gar beförderten und ihnen ihre Publikationsorgane öffneten. So hatte Gustav Schmoller in dem von ihm edierten <i>Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft</i> eine euphorische Besprechung von Beatrice Potter-Webbs Arbeit über die britische Genossenschaftsbewegung veröffentlicht. Beatrice Webb galt nicht nur in Deutschland fortan als Pionierin und Vorbild empirischer Sozialforschung von Frauen.<sup>38</sup> Schmoller erkannte auch die Begabung der Autodidaktin Elisabeth Gnauck-Kühne und vermittelte ihr 1895 die erste persönliche Erlaubnis zum Universitätsstudium. Ihre empirische Studie <i>Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenfabrik</i>, in der sie – dem Vorbild Beatrice Webbs und Paul Göhres folgend – verdeckte teilnehmende Beobachtung mit der Auswertung von Statistiken und Expertenbefragungen verband, erschien 1896 in Schmollers Jahrbuch.<sup>39</sup> Damit und mit ihrem ersten Auftreten als Frau und Rednerin auf dem Evangelisch-Sozialen Kongress begründete sie ihren Ruf als »die erste deutsche Sozialpolitikerin großen Stils«<sup>40</sup> und führende Sozialexpertin. Auch Gertrud Dyrenfurths Arbeit über die Heimarbeiterinnen in der Berliner Wäscheindustrie entstand als private Forschungsarbeit in diesem Kontext.<sup>41</sup></p>
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In welch besonderer Weise die Nationalökonomie, vor der Etablierung der Soziologie als die für die soziale Frage zuständige Disziplin, Frauen nicht nur Zutritt gewährte, sondern geradezu ermutigte und förderte, wird aus der oft zitierten Antrittsrede Heinrich Herkners, eines Schülers von Lujo Brentano, deutlich, der 1899 nach Zürich berufen wurde. Erscheint schon die Tatsache erstaunlich, dass ein junger Professor seiner Zeit (1863–1932) das akademische Ritual einer Antrittsvorlesung unter das Thema <i>Das Frauenstudium in der Nationalökonomie</i> stellt, so verblüffen seine weitreichende Kenntnis und die Wertschätzung von Frauenstudien gleichermaßen. In seinem Überblick über die »ungewöhnlichen Erfolge« nationalökonomischer Studien von Frauen, der heute genauso gut einem Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung die Stichworte vorgeben könnte, beginnt er mit den Engländerinnen, unter anderem mit Harriet Martineau sowie Harriet Taylor-Mill, der Ehefrau von John Stuart Mill, und würdigt ausführlich Beatrice Webb, deren Arbeiten »durch Anmut und Glanz der Darstellung, Schärfe der Beobachtung, Sammlung und Sichtung des Stoffes, Weite des Blicks und Tiefe der Gedanken« ausgezeichnet seien.<sup>42</sup> Für Deutschland werden unter anderem die bereits erwähnten Arbeiten von Gnauck-Kühne und Dyrenfurth genannt. Und selbst wenn man erkennt, dass sein Plädoyer für Frauen in der Wissenschaft nicht frei von Geschlechtstypisierungen war, weil »Frauen die Kenntnis von Tatsachen ermitteln, die männlichen Forschern zweifellos verborgen geblieben wären«<sup>43</sup>, so ist schon allein die rhetorische Frage: »Warum sollten die sozialen Zustände, die Mann und Frau betreffen, immer nur im Spiegel des männlichen Geistes aufgenommen werden?«<sup>44</sup> ein Zeichen von Einsicht und Vorurteilslosigkeit, die – wäre sie seither Common Sense unter den Vertretern der Wissenschaften gewesen – Frauenbewegung und Frauenforschung viele Kämpfe erspart hätte.</p>
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Aus der Schar der frühen Sozialwissenschaftlerinnen, die beispielhaft für ihren Ansatz und innovative Methoden steht, möchte ich Rosa Kempf (1874–1948) herausgreifen. Sie gehört schon zu der Generation von Nationalökonominnen, die nach 1900 offziell Zugang zum Universitätsstudium erhielten, wenn Kempf auch erst nach 15-jähriger Berufstätigkeit als Volksschullehrerin ihr Studium in München bei Lujo Brentano aufnahm. Kempfs Studie <i>Das Leben der jungen Fabrikmädchen</i> in München war eine von vier Dissertationen von Frauen, die um 1910 im Rahmen eines Seminars bei Brentano geschrieben wurden.<sup>45</sup> Es war eine sehr umfangreiche und sorgfältig bearbeitete empirische Untersuchung, die sich Rosa Kempf zum Ende ihres Studiums vornahm und an der sie etwa drei Jahre arbeitete. Sie untersuchte den Arbeits- und Lebenszusammenhang von 270 in einer Fabrik arbeitenden Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, befragte sie über ihre Lebensverhältnisse, beruflichen Erfahrungen, Ambitionen und Träume und hat darüber hinaus die soziale und wirtschaftliche Lage ihrer Familien, die Familienstruktur sowie Lebenshaltung und die Lohnverhältnisse der Familienmitglieder sorgfältig untersucht. Auf die Erkundung der beiden Seiten des weiblichen Lebenszusammenhangs kam es ihr an, nicht nur auf die Arbeitsbedingungen – der Ort, der in der zeitgenössischen Literatur ohnehin als unpassend für Mädchen und Frauen betrachtet wurde –, sondern auf die Lebensverhältnisse, aus denen die Mädchen kamen, das Milieu, und wie sie diese Bedingungen subjektiv verarbeiteten. Dies war auch die inhaltliche Stoßrichtung der <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung [...] der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie</i>, die Max Weber und sein Bruder Alfred Weber von 1909 bis 1912 im Verein für Sozialpolitik leiteten.<sup>46</sup> Kempf gewann ihr Sample im Schneeballsystem mithilfe ihrer guten Kontakte als Lehrerin zur Münchener Schulverwaltung, mit Unterstützung der Gewerkschaften und durch den Besuch in gewerblichen Fortbildungsschulen. Sie schichtete die Teilnehmerinnen ihrer Untersuchung sorgfältig nach Alter, Stand, Beruf und Erwerbstätigkeiten der Eltern sowie der Zahl der Geschwister und arbeitete selbst, ebenso wie Gnauck-Kühne, verdeckt, zum Teil mit Wissen der Fabrikbesitzer, in mehreren Fabriken, »um den Ton kennen zu lernen, der in den Fabriken unter den Arbeitenden herrscht, ein Et- was, das man auf keinen Fall erfragen, sondern nur miterlebend empfinden kann«.<sup>47</sup> Sie betonte, wie wichtig »die persönliche Fühlungnahme« war. Nur »durch freundlichen Kontakt von Mensch zu Mensch« und »bei den Hunderten von Besuchen in den Arbeiterfamilien« gelang es ihr, jene »Details« zu erfahren, die über das hinausgehen, »was ein einzelner um solch theoretischer Erkenntnisse willen anderen Menschen mitzuteilen geneigt ist«<sup>48</sup>, ein Vorgehen, das ihr im Gegensatz zu anderen Untersuchungen des <i>Vereins für Sozialpolitik</i> einen hohen Rücklauf auf ihre Befragung sicherte. Ungewöhnlich und innovativ war ihr methodisch reflektiertes und kontrolliertes Vorgehen, die Vielfalt an qualitativen Erhebungsmethoden, ein Mix aus teilnehmender Beobachtung, leitfadengestützten, narrativen Interviews mit jungen Mädchen und deren Eltern sowie Experteninterviews mit älteren erfahrenen Arbeitnehmer_innen und mit Arbeitgebern. Ferner recherchierte sie die Wohnungsverhältnisse, Lebenshaltungskosten und Speisezettel, den Wäschevorrat und Kleiderbesitz der jungen Mädchen und verglich ebenso akribisch deren Lohnlisten und Haushaltsbudgets mit amtlichen Statistiken. Schließlich forderte sie die jungen Mädchen auf, kleine Aufsätze über ihre Gedanken, Wünsche und Nöte zu schreiben. Einige typische Äußerungen ließ sie am Ende der Studie zu Wort kommen.<sup>49</sup></p>
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Auffällig im Vergleich zu anderen Sozialforscher_innen ihrer Zeit ist, wie nüchtern, ja, modern – bei aller Empathie für das Schicksal der einzelnen – Kempf die Berufsarbeit der Frauen und Mädchen bewertete. Sie sah die Lösung der ›Frauenfrage‹ nicht in der Einschränkung oder Abschaffung mütterlicher Erwerbsarbeit, sondern in der Gleichberechtigung der Frauen, deshalb auch in der besseren, gewerblichen Ausbildung der Mädchen und in gleichen Löhnen. Ihrer Meinung nach lagen die Probleme im Kinderreichtum und der höheren Belastung der weiblichen Mitglieder der Familie, der Mütter und Töchter, die nicht nur ein mehr an Hausarbeit, sondern auch einen unentbehrlichen Teil zum Familienunterhalt beitrugen. Auch mit ihrer Kritik an den patriarchalischen Vorrechten und zum Beispiel am Mehrverbrauch der Männer hielt sie sich keineswegs zurück. Darüber entstand in den Presseorganen der Frauenbewegung, zu der Kempf sich zugehörig fühlte, eine hitzige Debatte. Eine Rezensentin warf ihr vor, zu sehr Frauenrechtlerin zu sein, worauf Kempf scharf reagierte und meinte, wer die Frauen in gottgewollter Abhängigkeit vom Manne halten wolle, falle damit der gesamten Frauenbewegung in den Rücken.<sup>50</sup></p>
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Neben Marie Bernays Untersuchung über die Gladbacher Spinnerei und Weberei,<sup>51</sup> deren Studie oft als einzige erwähnt und bezeichnenderweise als »die einfallsreichere und besonders fleißige« Untersuchung gelobt wird,<sup>52</sup> war Rosa Kempfs Studie eine der wenigen erfolgreichen Teiluntersuchungen der von Alfred und Max Weber im <i>Verein für Sozialpolitik</i> groß angelegten <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie</i> (1909–1912). Denn beide waren mit den Ergebnissen der übrigen, mehrteiligen und voluminösen Schriften der anderen Forscher nicht zufrieden. Herkner, der in einer Vereinssitzung die beiden Frauenstudien als die ergiebigsten hervorhob, kritisierte diejenigen, die »angesichts des Vorgehens und Erfolgs von Kempf immer noch glaubten, es genüge einige 100 oder 1000 Fragebögen zu beziehen und diese durch gewerkschaftliche Vertrauensmänner austeilen zu lassen. So leicht aber sind die Früchte sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nicht zu pflücken«.<sup>53</sup></p>
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Kern resümiert diese Phase der empirischen Sozialforschung mit der Feststellung, wie bedeutsam es sei, »dass damals beachtenswerte, inhaltliche und methodische Innovationen auch durch ›wissenschaftliche Außenseiter‹ und nicht durch professionelle Sozialforscher zustande kamen«.<sup>54</sup> Die insgesamt enttäuschenden Ergebnisse der <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung</i> waren der Anlass zu einem Methoden- und Paradigmenwechsel in der Soziologie mit einem neuen Verständnis von ›objektiver‹ oder ›reiner Wissenschaft‹. »Wir wollen also als Soziologen uns nur beschäftigen mit dem, was ist, und nicht mit dem, was nach irgendwelcher Ansicht, aus irgendwelchen Gründen <i>sein soll</i>«<sup>55</sup> – eine Debatte, die als erster Werturteilsstreit in die Geschichte der Soziologie eingehen sollte. Der Paradigmenwechsel in der Soziologie, der mit der Gründung der <i>Deutschen Gesellschaft für Soziologie</i> 1910 vollzogen wurde, beinhaltete, »dass die Gesellschaft jede Propaganda praktischer Ideen in ihrer Mitte grundsätzlich und definitiv ablehnt«.<sup>56</sup> Das heißt, die Abkehr von der wissenschaftlich begründeten Sozialreform hin zu einer Theorie von Gesellschaft, in der die empirische Sozialforschung vorerst keine Rolle spielen sollte (allenfalls in der Pädagogik oder Psychologie), hat dazu beigetragen, dass die Arbeiten dieser Pionierinnen empirischer Sozialforschung in der Geschichte der Soziologie verschwunden sind bzw. keine Rezeption erfahren haben. Verstärkt wurden die Barrieren für wissenschaftliche Karrieren von Frauen an der Universität daher durch die für Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern typische Profilierung der Soziologie als theoretische Disziplin, während die Hinwendung zur Praxis als Abwen- dung von der Wissenschaft interpretiert wurde.<sup>57</sup> Ein anderer Grund lag aber auch darin, dass die wissenschaftlichen Karrieren selbst der in ihrer Zeit so anerkannt erfolgreichen Frauen an den deutschen Universitäten keine Fortsetzung fanden, dass die Ausschlussmechanismen selbst unter den wohlwollenden ersten Förderern reibungslos funktionierten. Marie Bernays, die als Lieblingsschülerin Max Webers galt, hatte wiederholt vergeblich versucht, sich zu habilitieren, und scheiterte mit diesem kühnen Gedanken nicht zu- letzt an der kritischen Intervention von Marianne Weber.<sup>58</sup></p>
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Rosa Kempf wurde 1917 Gründungsdirektorin des <i>Frauenseminars für soziale Berufsarbeit</i>, das vom <i>Verein für Gemeinwohl</i> getragen den Grundstein legte zur heutigen Hochschule für Sozialarbeit in Frankfurt. Nach verschiedenen Stationen als Leiterin der Niederrheinischen Frauenakademie in Düsseldorf, nach einem Ausflug in die Politik als Vertreterin der DDP im Bayerischen Landtag, kehrte Kempf 1921 wieder als nebenamtliche Dozentin an das <i>Frauenseminar</i> zurück, das 1924 zu einer staatlichen Wohlfahrtsschule Hessens umgewandelt wurde. Wie viele andere Frauen erhielt sie ab 1933 Prüfungs- und Berufsverbot. Sie starb im Februar 1948 in Darmstadt.</p>
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Eine ganze Reihe von in der Nationalökonomie ausgebildeten Frauen, die alle mehr oder weniger in der Frauenbewegung oder in den 1920er Jahren frauenpolitisch aktiv waren, haben in den Jahren zwischen 1914 und 1933 die Gründung und Leitung von <i>Sozialen Frauenschulen</i> übernommen. In der Bilanz, die Elisabeth Altmann-Gottheiner 1931 über <i>Frauen in der Nationalökonomie</i> zieht, werden die bekanntesten aufgeführt.<sup>59</sup> Sie alle wurden 1933 ihrer Ämter enthoben oder in die Emigration gezwungen. Das gilt insbesondere auch für Alice Salomon, die Wegbereiterin und Pionierin der professionellen Sozialen Arbeit in Deutschland und Begründerin zahlreicher Frauenschulen und ihrer wissenschaftlichen Grundlagen im In- und Ausland. Sie hatte 1925 als Krönung ihrer vielfältigen Funktionen und ihres breiten wissenschaftlichen Werks die <i>Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit</i> in Berlin gegründet. Neben den Angeboten für ein weitgefächertes Hochschulstudium, mit dem sie »den Reichtum all dessen, was an gesicherten Erkenntnissen auf dem sozialen und sozialpädagogischen Gebiet vorhanden ist«<sup>60</sup> an den Nachwuchs weitergeben wollte, richtete sie hier eine Forschungsabteilung ein, in der zum ersten Mal Frauenforschung und empirische Sozialforschung einen institutionellen Rahmen fanden. Von dem groß angelegten interdisziplinären Forschungsprojekt zu »Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart« konnten bis 1933 13 von 27 Untersuchungen beendet und veröffentlicht werden. Die Fortsetzung wurde durch die Auflösung der Akademie durch die Nationalsozialisten jäh unterbrochen, alle jüdischen Lehrkräfte entlassen und verfolgt. Neben dem persönlichen Schicksal, das hier vielfältig zu beklagen ist, bleibt der Verlust an wissenschaftlicher Innovation, Erkenntnis und Kultur, die auch nach der NS-Zeit nicht rezipiert, sondern zunächst ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt wurden.</p>
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<h2>Viola Kleins soziologische Dekonstruktion der Geschlechtertheorien</h2>
Viola Klein (1908–1973) ist eine der ersten professionellen Soziologinnen, die theoretisch wie empirisch Herausragendes geleistet hat, deren wegweisende Arbeiten jedoch im deutschen Sprachraum erst noch zu würdigen sind.<sup>61</sup> Sie fehlt in jenem Kreis der von Claudia Honegger wiederentdeckten und vorgestellten »ersten Soziologinnen in Frankfurt«, die um 1930 im Seminar von Karl Mannheim, von Norbert Elias als Assistenten bestens betreut, an ihren soziologischen Doktorarbeiten zu Themen aus der Frauen- und Geschlechterforschung arbeiteten, 1933 ebenso wie ihr Doktorvater fliehen mussten, und deren wissenschaftliche Karrieren erst gar nicht begannen (z.B. Margarethe Freudenthal, Nina Rubinstein, Frieda Elisabeth Haussig oder Gisèle Freund). Dennoch gehört Viola Klein zur gleichen Generation hochbegabter, mit dem Furor wissenschaftlicher Neugier ausgestatteter Frauen, zu denen es sich mit Claudia Honegger zu fragen lohnt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Was wäre gewesen, wenn einige dieser hochbegabten Frauen tatsächlich [...] Professorinnen geworden wären [...] wenn wir sie in den 60ern und 70ern noch hier hätten als Lehrende erleben können, [...] wenn sie uns ihre soziologische Neugierde für alle Bereiche des menschlichen Lebens hätten vermitteln können?«<sup>62</sup></p></blockquote>

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Auch Viola Klein, 1908 in Wien in einer jüdischen bürgerlichen Familie geboren, wurde zur Emigrantin und konnte schließlich in England Fuß fassen. Davor hatte sie bereits moderne Sprachen, Psychologie und Sozialphilosophie zunächst in Wien, dann in Prag und Paris studiert. An der Sorbonne promovierte sie 1936 zum Dr. phil. mit einer Arbeit über <i>Sprache und Stil des Louis Ferdinand Céline</i>. In dieser linguistischen – heute würden wir sagen – dekonstruktivistischen Studie kam sie über die Lektüre von <i>Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus</i><sup>63</sup> in ersten Kontakt mit Karl Mannheim, der 1933 von seinem Frankfurter Lehrstuhl für Soziologie nach England geflohen war und für sie als Mentor sehr wichtig werden sollte.<sup>64</sup> Denn 1938, als die Deutschen Prag und weite Teil der Tschechoslowakei besetzten, floh Viola Klein mit ihrem Bruder nach England, während ihre Eltern zurückblieben und später in einem Konzentrationslager umgebracht wurden. Sie schlug sich zunächst als Hausgehilfin durch, bis sie von der Tschechischen Exilregierung ein Forschungsstipendium erhielt und ermutigt von Mannheim an der London <i>School of Economics</i> (LSE) eine kritische Untersuchung von Geschlechtertheorien in der Wissenschaft durchführte. Ihre damit zweite Dissertation, nun im Fach Soziologie, erschien 1946 als erster Band in der von Mannheim herausgegebenen <i>International Library of Sociology and Social Reconstruction</i> unter dem Titel <i>The Feminine Character. History of an Ideology</i> mit einem Vorwort des Doktorvaters. Dass diese wissenssoziologische Arbeit einer von den Nationalsozialisten vertriebenen Intellektuellen und britischen Soziologin mit ihrer radikalen Kritik der die Wissenschaften beherrschenden Geschlechtertheorien bisher in Deutschland gar nicht rezipiert wurde, ist kaum zu erklären – erst recht nicht, wenn wir diese Arbeit mit Simone de Beauvoirs Buch und Kritik der Weiblichkeitsmythen in <i>Das andere Geschlecht</i> (1949) vergleichen, das drei Jahre später erschien.<sup>65</sup> Man kennt den Namen Viola Klein allenfalls als Mitautorin des gemeinsam mit Alva Myrdal geschriebenen frauenpolitischen Schlüsseltextes der 1960er Jahre <i>Die Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf</i>, der in viele Sprachen übersetzt wurde.<sup>66</sup> <i>The Feminine Character</i> ist zumindest im englischen Sprachraum seit einiger Zeit als Klassikertext früher Frauenforschung wiederentdeckt worden<sup>67</sup> und erschien seither in mehreren englischen Ausgaben.</p>
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Das Buch ist eine kluge und kritische Auseinandersetzung mit den Weiblichkeitstheorien der führenden Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen und zwar wählt Klein jeweils den Repräsentanten einer Disziplin aus, u.a. den Sexualforscher Havellock Ellis, den Philosophen Otto Weininger, den Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud, Mathias und Mathilde Vaerting als Vertreter und Vertreterinnen eines historischen Ansatzes und die Anthropologin Margaret Mead. Klein analysiert und kritisiert deren Theorien zur Geschlechterdifferenz, zu Männlichkeit und Weiblichkeit als wissenschaftliche, gleichwohl ideologische Konstruktionen eines bestimmten historischen und gesellschaftlichen Kontexts. Ihre Untersuchung ist damit ein Musterbeispiel für die von Karl Mannheim in <i>Ideologie und Utopie</i><sup>68</sup> entwickelte Wissenssoziologie und zeichnet sich dadurch aus, dass die Autorin immer wieder die erkenntnistheoretischen und methodologischen Prämissen ihres soziologischen und sozialpsychologischen Vorgehens als situatives Wissen reflektiert. In seinem Vorwort geht Mannheim bezeichnenderweise nicht weiter auf die  Thematik Weiblichkeit und Geschlecht ein, sondern nur auf seine eigene spezifisch soziologische Methode, im Sinne einer integrativen, alle Formen des Denkens einschließenden reflexiven Soziologie, die nicht nur Ideologien, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse und erkenntnistheoretische Prämissen als perspektivisch und standortgebunden versteht. Dieser Ansatz eignet sich auch dazu, wie Klein wiederholt betont, die wirkmächtigen Diskurse über andere marginalisierte Gruppen der Gesellschaft wie »Ausländer, Juden, Schwarze etc.«<sup>69</sup> kritisch zu untersuchen. Dass sie sich dafür entschied, die Voreingenommenheit gegenüber Frauen, den typisch männlichen Bias der neueren wissenschaftlichen Diskurse über Weiblichkeit aufzudecken und zu benennen, begründet sie einerseits damit, dass sich der gesellschaftliche Status der Frau in den letzten 100 Jahren grundlegend verändert habe und die Zeit- und Kontextbedingungen der entsprechenden Geschlechtertheorien besonders offensichtlich seien. Andererseits hebt sie die Relevanz des Gegenstandes hervor, da die Problematik »universell« eine so starke Betroffenheit (<i>ego-involvement</i>) – bei Männern und Frauen – auslöse, dass es schwierig sei, wissenschaftliche Distanz zu wahren.<sup>70</sup></p>
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Um die verschiedenen Weiblichkeitstheorien im Detail aus ihrem gesellschaftlichen und ideologischen Kontext heraus zu dekonstruieren, hat Klein im ersten Kapitel den gesellschaftlichen Hintergrund der neuzeitlichen  eorien zur Bestimmung von Weiblichkeit sowie den sozialen Wandel in den Geschlechterverhältnissen insbesondere seit dem Ersten Weltkrieg herausgearbeitet. Sie erzählt damit nebenbei ein Stück Emanzipationsgeschichte der Frauen in der festen Überzeugung, dass die Entwicklung trotz wiederholter Rückschläge »als praktische Notwendigkeit und in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Trend gesellschaftlicher Entwicklung« nicht aufzuhalten sei.<sup>71</sup> Doch sie diagnostiziert zugleich das Dilemma der modernen Frau, hin und hergerissen zu sein zwischen dem Anspruch auf Gleichheit und der Verteidigung individueller Abweichungen, des Andersseins und der Geschlechterdfferenz. Vor diesem Hintergrund analysiert sie die unzeitgemäßen, historisch mit einem spezfisch bürgerlichen Patriarchalismus belasteten Verblendungen und Ideologien ihrer Protagonisten. So, wenn sie im Kapitel über die Psychoanalyse im Blick auf Freuds Theorien von Männlichkeit und männlicher Sexualität als Norm feststellt:</p>
<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»There is a peculiar irony in the fact that the very theory which was chie y responsible for the more enlightened outlook in matters of sex for the disappearance of Victorian morality should have been tinged with its ideology, particular in its dealing with women.«<sup>72</sup></p></blockquote>
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Freuds Befangenheit in einer streng patriarchalischen Tradition und Kultur, seine Identifikation mit dem Männlichen als allgemein gültige Norm kritisiert Klein mit dem Verweis auf ein langes Zitat von Georg Simmel aus dessen Essay <i>Das Absolute und das Relative im Geschlechterproblem</i>.<sup>72</sup> Simmel hatte in verschiedenen Aufsätzen zu <i>Philosophie und Soziologie der Geschlechter</i> die Verabsolutierung des Männlichen und Abwertung des Weiblichen mit der »Machtstellung der Männer« erklärt und das Verhältnis der Geschlechter mit der Position des Sklaven zu seinem Herrn verglichen. »So gehört es zu den Privilegien des Herrn, dass er nicht immer daran zu denken braucht, dass er Herr ist, während die Position des Sklaven dafür sorgt, dass er seine Position nie vergisst.«<sup>74</sup></p>
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Andererseits gibt Klein zu bedenken, dass Margaret Meads anthropologische Dekonstruktionen der Geschlechterdifferenz, ihr kultureller Relativismus, möglicherweise die Gefahr »demokratischer Sozialplanung« berge und damit, anstatt Emanzipation zu ermöglichen, der Anpassung an männliche Standards, »the gradual admission of women in a man-made society«<sup>75</sup> dienen könnte. Das zeigt, Klein argumentiert vorsichtig, vermeidet Parteilichkeit und lässt ihr Material in Form einer dekonstruktiven Inhaltsanalyse für sich sprechen. Die Situation der Frauen ihrer Zeit interpretiert sie als ambivalent, in sozialpsychologischen Kategorien beschrieben, als Übergangszeit, in der sie mit zwei unvereinbaren Ideologien und Rollenerwartungen konfrontiert sind. Trotz nomineller Gleichberechtigung der Geschlechter wird erwartet, dass sie zwei getrennte Sphären, Familie und Erwerb miteinander vereinbaren. Auch wenn Frauen immer noch Außenseiter_innen sind wie andere von ihr genannte Gruppen, ist Klein gleichwohl zuversichtlich:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»All these groups have a vital interest in the promotion of a humanitarian, universalist outlook, in the abolition of discrimination against people on account of their race, creed, sex, or nationality. If it may be assumed that the general trend of social development goes in the direction of humanism, democracy and internationalism, it may therefore be said that these groups represent a progressive element.«<sup>76</sup></p></blockquote>

<p>
Die prominente Veröffentlichung in der Forschungsreihe von Karl Mannheim hat Viola Klein keineswegs eine akademische Karriere eröffnet, denn aus drei Gründen blieb sie eine Außenseiterin: als Jüdin, als Frau und als eine Wissenschaftlerin, die sich ausdrücklich einer Soziologie der Frau widmete zu einer Zeit, als es keine universitäre Frauen- und Geschlechterforschung gab. Jahrelang schlug sie sich als Übersetzerin im britischen <i>Foreign Office</i> durch, schrieb Artikel und Rezensionen in englischen, deutschen und amerikanischen Zeitschriften. In immer wieder befristeten empirischen Forschungsprojekten zur Situation von Frauen entwickelte sie sich zu einer Expertin empirischer Sozialforschung und Statistik, die sie dank ihrer integrierten interdisziplinären Ansätze kritisch zu deuten verstand. Das Buch <i>Women’s Two Roles: Home and Work</i> erschien 1956 und wurde in viele Sprachen übersetzt, fünf Jahre später auch ins Deutsche unter dem Titel <i>Die Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf</i>.<sup>77</sup> Gegen Ende der 1950er Jahre hatte Klein ihr internationales Renommee befestigt. Als eine von wenigen Frauen war sie Mitglied sowohl in der Britischen als auch Internationalen Gesellschaft für Soziologie, war Mitbegründerin und Herausgeberin des International Journal of Comparative Sociology neben Soziologen wie Richard Titmuss aus England, René König aus Deutschland und Georges Gurvitch aus Frankreich, hielt Vorträge auf internationalen Konferenzen und leitete eine entwicklungspolitische Studie über Arbeiterinnen in 21 Ländern.<sup>78</sup> Doch erst 1964, zwanzig Jahre nach <i>The Feminine Character</i> erhielt sie eine Vollzeitstelle als Dozentin an der Universität von Reading. Sie erlebte noch die Wiederauflage dieses Buches durch die Neue Frauenbewegung und Frauenforschung im Jahr 1971 und starb kurz nach ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1973.</p>
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<h2>Die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung im Zuge der Neuen Frauenbewegung</h2>
Angesichts der auch internationalen Vielfalt neuerer feministischer Forschungen zu Politik, Körper, Sexualität, normativer Zweigeschlechtlichkeit sowie zum Kanon von Wissen und Erkenntnis überhaupt, beschränke ich mich an dieser Stelle auf einen zentralen Gegenstand sozialwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren, der in einer genuin soziologischen und zugleich feministischen Tradition steht: Die Erweiterung und Neukonzeption des Arbeitsbegriffs und die Untersuchungen zu den immer noch verfestigten Strukturen der Arbeitsteilung sind ein Beispiel für die Vorreiterrolle feministischer Perspektiven und Interventionen in die Wissenschaft von der Gesellschaft.<sup>79</sup> Nicht zufällig hat die Thematisierung der neuen Problemlagen durch die Frauen- und Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen und globalen Wandel der Erwerbsarbeitsverhältnisse, der privaten Alltagsarbeit und des Verhältnisses von Arbeit und Leben sowie der neuen Vielfalt privater Lebensformen eingesetzt – ein gesellschaftlicher Umbruch, der in gegenwärtigen Gesellschaftsanalysen als zweite Krise der Moderne oder reflexiv gewordene Moderne bezeichnet wird.<sup>80</sup></p>
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Die Kritik der traditionellen Arbeitsteilung, insbesondere an der Abwertung und Unsichtbarkeit der Haus- und Erziehungsarbeit, war am Beginn der 1970er Jahre der Aufhänger politischer Kampagnen, der Motor einer neuen sozialen Bewegung von Frauen weit über das akademische Milieu hinaus und zugleich der Anlass einer expliziten sozialwissenschaftlichen Frauenforschung.<sup>81</sup> Ein neuer, erweiterter Arbeitsbegriff, der alle Tätigkeiten der Pflege, Erziehung und Sorge für andere (<i>Care</i>) umfasst, steht bis heute im Zentrum feministischer Analysen und einer notwendig anderen, nicht nur am Arbeitsmarkt und ihrem Lohn ausgerichteten Sozialpolitik. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat in ihren Untersuchungen zu Frauenerwerbstätigkeit, zur Unvereinbarkeit von Haus- und Lohnarbeit, zu den widersprüchlichen Strukturen im »weiblichen Lebenszusammenhang«<sup>82</sup> nun seit mehr als 40 Jahren einen Perspektivenwechsel in Anbetracht der »Krise der Arbeitsgesellschaft« angemahnt.<sup>83</sup> Nachgerade unüberschaubar ist die Literatur zu Studien und Befunden erst recht im internationalen Rahmen. Es ist die Ambivalenz der Moderne, der doppelten Orientierungen und Wünsche, beides, Arbeit und Leben vereinbaren zu wollen, und die alltäglich erprob- te Praxis der »doppelten Lebensführung«,<sup>84</sup> die Frauen nicht zu Nachzüglerinnen, sondern eher zu Pionierinnen einer neuen modernen Lebensweise macht.<sup>85</sup> Die globalen Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt (Mobilität, Zuwanderung und Flexibilisierung sowie die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse) führten auch zu einer deutlichen Verschiebung der Grenzen zwischen Erwerbs- und Privatleben (›Entgrenzung‹) und einer deutlichen Verschärfung der Ungleichheitslagen.<sup>86</sup> Zugleich baut sich mit der ›Vermarktlichung‹ der Arbeitskraft auch der Frauen insbesondere im Bereich persönlicher Dienstleistungen ein Spannungsverhältnis auf zwischen fürsorglichen Beziehungen bzw. Verantwortlichkeiten im privaten Bereich und beruflichen Verpflichtungen, die eine fürsorgliche Praxis erfordern.<sup>87</sup> Inzwischen haben die weltweiten Verflechtungen und die Umstrukturierungen der Arbeitswelt von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft alle westlichen Gesellschaften eingeholt, sind sie angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt, in der Familie sowie im Hinblick auf die veränderten Anforderungen und Bedürfnisse in Bildung, Erziehung, Gesundheit und Pflege mehr denn je auf persönliche Dienstleistungen angewiesen. In Fortführung dieser Erkenntnisse hat sich in der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung der Begriff <i>Care</i> zur Bezeichnung aller Haushalts-, Erziehungs- und Pflegetätigkeiten inzwischen zu einem Schlüsselkonzept international vergleichender Geschlechter-, Arbeitsmarkt und Sozialpolitikforschung entwickelt (siehe dazu Kap. 9).</p>
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Trotz des seit den 1970er Jahren eingeleiteten kulturellen und sozialen Wandels in den Geschlechterverhältnissen ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach wie vor ein Dreh- und Angelpunkt sozialer Ungleichheit. Die Befunde sind eindeutig, obwohl sie durch Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten zwischen kultureller Modernisierung oder veränderten Geschlechterrollen und der »Persistenz struktureller Ungleichheitslagen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen« verschleiert werden.<sup>88</sup></p>
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So sehr gerade die Soziologie sich in ihren Diagnosen der Krise der Moderne zum Anwalt der Regeln des Sozialen als unverzichtbarem Bindemittel gesellschaftlicher Organisation und Vergesellschaftung gemacht hat, blieb sie doch blind gegenüber dem grundlegenden Mangel an Solidarität und Anerkennung gegenüber Frauen und hat deren Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse marginalisiert oder ignoriert, nicht zuletzt dadurch akademische Karrieren verhindert. Wie an einem nicht abreißenden roten Faden haben die erinnerten Soziologinnen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den permanenten Widerspruch zwischen einer Rhetorik der Gleichheit und der sozial hergestellten Differenz der Geschlechter ins Zentrum ihrer Gesellschaftskritik gestellt. So hat Jenny d’Héricourt bereits 1855 eine Gesellschafts- und Geschlechterordnung gefordert, die notwendig auf wechselseitiger Solidarität und gleichberechtigter Kooperation beruht, weil alle, Männer und Frauen aufeinander angewiesen sind. Mit der Maxime, dass man gesellschaftliche Solidarität nur als »Sorge für sich und andere« (<i>vivre pour soi en vivant pour autrui</i>) formulieren könne,<sup>89</sup> aber hat sie bereits Probleme markiert, die uns in allen Bereichen von Arbeit und Leben auch heute noch beschäftigen. Seien es die innovativen qualitativen Methoden, mit denen Rosa Kempf in ihren empirischen Studien neues Wissen über die Arbeits- und Lebensweise junger Fabrikarbeiterinnen generiert hat, oder Viola Kleins wissenssoziologische Untersuchung der wissenschaftlichen Diskurse über Weiblichkeit und Geschlecht, immer haben die eigenen marginalisierten Erfahrungen als Frau den Forscherinnen selbstreflexiv zugleich als kritische Instanz im Blick auf andere Formen sozialer Ungleichheit und die Achsen der Differenz gedient. Die gegenwärtige Zuspitzung der feministischen Debatte auf Arbeit und Sorge für andere, auf <i>Care</i> als notwendige Bedingung und Bestandteil sozialer Politik heute, zeigt erneut, dass die Geschlechterforschung zentrale Probleme nicht nur geschlechtsspezifischer, sondern internationaler Arbeitsteilung aufgegriffen hat, die über die Zukunftsfähigkeit der sich als demokratisch verstehenden, kapitalistischen Gesellschaften bestimmen werden.</p>
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Wenn die fortschreitende Arbeitsteilung und Differenzierung, wie Durkheim betont, durch ein ganzes System von Rechten und Pflichten notwendig Solidarität, das heißt, gesellschaftlichen Zusammenhalt, erzeugen soll, wird es heute vor allem darauf ankommen, alle Arbeiten und Tätigkeiten, die bezahlten und unbezahlbaren, die Erwerbsarbeit wie die private Alltagsarbeit, insbesondere eben auch die fürsorglichen Tätigkeiten, die auf dem Markt keinen Preis erzielen, im Austausch von Gütern und im Netz sozialer Beziehungen angemessen zu bewerten und unter beiden und mehr Geschlechtern gerecht zu teilen. Vor dem Hintergrund dieser Befunde zur Geschichte der Soziologie ist daher Gertrud Nunner-Winkler zuzustimmen, die in der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 1990 eingerichteten Senatskommission für Frauenforschung die Bedeutsamkeit der Geschlechterforschung im Rückgriff auf Max Weber sehr diplomatisch begründete:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Die Frauenbewegung ist Teil und Motor [der] [...] Prozesse einer gesellschaftlichen Veränderung in der Stellung der Frau. Diese Veränderungen, ihre Kosten und möglichen Gewinne sowie die Rolle der Frauenbewegung in diesem sozialen Modernisierungsprozess liefern eine Fülle von Impulsen für empirische Forschung, für neue Konzeptualisierungen und theoretische Deutungsmuster. Die Sozialwissenschaften sind gut beraten, solche Impulse [...] aufzunehmen und fruchtbar zu machen, also wie Weber sagt: ›Standort und Begriffsapparat zu wechseln‹ und ›jenen Gestirnen (nachzuziehen), welche allein ihrer Arbeit Sinn und Richtung zu weisen vermögen‹.«<sup>90</sup></p></blockquote>
<br><br><br>
<a href="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/FeministischePerspektiven.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Fußnoten siehe PDF</a><br><br>
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