<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Patriarchat &#8211; Ute Gerhard</title>
	<atom:link href="https://ute-gerhard.de/tag/patriarchat/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://ute-gerhard.de</link>
	<description>Soziologin, Juristin, Professorin emerita</description>
	<lastBuildDate>Mon, 04 Jan 2021 16:18:13 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.5.6</generator>
	<item>
		<title>Feministische Perspektiven in der Soziologie – Verschüttete Traditionen und kritische Interventionen*</title>
		<link>https://ute-gerhard.de/feministische-perspektiven/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[SuperAdministrator]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jun 2020 12:57:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aufsätze]]></category>
		<category><![CDATA[Startseite]]></category>
		<category><![CDATA[19. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratiebewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Kaiserreich]]></category>
		<category><![CDATA[Männergesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://ute-gerhard.de/?p=307</guid>

					<description><![CDATA[<strong>Mittagsvorlesung auf dem 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie</strong> in Frankfurt am Main 2010

In der Geschichte der Soziologie ist es immer noch geboten, nach dem besonderen Beitrag von Frauen zu dieser Disziplin zu fragen, auch 100 Jahre nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, zumal dann, wenn selbst in neuesten Veröffentlichungen anlässlich ihres Jubiläumskongresses die Geschichte der Soziologie wiederum als exklusiv männliche konstruiert wird. Dabei geht es mir nicht um ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<!--<div style="float:left;"><img decoding="async" class="wp-image-21" style="width: 150px; margin-right: 12px;" src="http://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/06/csm_Profilbild_UteGerhard_01c4d9f7f3.jpg" alt=""></div>-->
<div>
<p>
Mittagsvorlesung auf dem 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010: „Feministische Perspektiven in der Soziologie: Verschüttete Traditionen und kritische Interventionen“, in: Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen der 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, hg. v. Hans-Georg Soeffner, Wiesbaden: Springer 2013 Bd. 2, 757-773.
Überarbeitet in: „Für eine andere Gerechtigkeit…“, S. 249-276</p>
<p>
In der Geschichte der Soziologie ist es immer noch geboten, nach dem besonderen Beitrag von Frauen zu dieser Disziplin zu fragen, auch 100 Jahre nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, zumal dann, wenn selbst in neuesten Veröffentlichungen anlässlich ihres Jubiläumskongresses die Geschichte der Soziologie wiederum als exklusiv männliche konstruiert wird. Dabei geht es mir nicht um die Rehabilitation einzelner Autorinnen oder um eine eigene, spezifisch weibliche Traditionsbildung, auch nicht nur um den Versuch, Lücken zu schließen im Sinne der Addition oder Ergänzung einer bisher einseitigen Kanonbildung. Vielmehr leitet mich die weit kühnere  These, dass das Verschweigen bzw. die Ausblendung des Beitrags von Frauen aus dem soziologischen Diskurs unser Wissen über gesellschaftliche Wirklichkeit verfälscht und die Soziologie selbst immer wieder daran gehindert hat, zentrale Problemstellungen im modernen Vergesellschaftungsprozess empirisch oder theoretisch angemessen zu analysieren. Wenn die Soziologie als theoretisch und methodisch angeleitete Erfahrungswissenschaft ihre Ergebnisse und Analysen als überprüfbar und nachvollziehbar und damit als valide bezeichnen will, so muss die systematische Nichtbeteiligung einer bestimmten Kategorie von Menschen, von Frauen, an der Erforschung sozialer Sachverhalte und der Deutung ›sozialer Tatsachen‹ sowie die Nichtberücksichtigung ihres Erfahrungsraums zwangsläufig zu unvollständigen oder verzerrten Ergebnissen führen. Dies ist umso widersprüchlicher, als gerade in der Gründungszeit der neuen Wissenschaft die gesellschaftlichen Vorannahmen und Erwartungen einseitig dem weiblichen Geschlecht die Zuständigkeit für das ›Soziale‹, die Pflege und Praxis der sozialen Beziehungen überantworteten, und die Gründungsväter (allen voran Lorenz von Stein, aber auch Auguste Comte, Frédéric Le Play, Wilhelm Heinrich Riehl, ebenso Ferdinand Tönnies u.a.) den Wirkungskreis der Frau, die Familie, als soziale Basiseinheit einer von Krisen geschüttelten Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Gesellschaftsanalyse stellten, um ihr eine unentbehrliche, den gesellschaftlichen Zusammenhalt stabilisierende Rolle zuzuschreiben.</p>
<p>
Nun ist die besondere Nähe der Frauen zur Soziologie und zugleich die Affinität zwischen Frauenfrage und sozialer Frage in den Anfängen der Soziologie schon mehrfach thematisiert worden, suchte doch die neue um Anerkennung ringende Wissenschaft spezifische Antworten auf die Krisenphänomene der modernen Gesellschaft zu geben. Dabei stützt sich  Theresa Wobbe mit ihrer These von der »Wahlverwandtschaft« zwischen der »Soziologie und den Frauen auf dem Weg zur Wissenschaft« auf eine Klassikerin sozialwissenschaftlicher Frauenforschung, auf Viola Klein und ihr 1946 erschienenes Buch <i>The Feminine Character</i>. Denn schon Klein begründet die besondere Affinität von Frauen zur Soziologie (<i>»the peculiar a nity between the fate of women and the origin of social science«</i>) mit einem doppelten Argument:
</p>
<p>
<a href="http://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/FeministischePerspektiven_s_.pdf#zoom=Fit" target="_blank" rel="noopener noreferrer">➜ Weiterlesen im PDF</a></p>

<!--<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Es ist kein Zufall, dass die Emanzipation der Frauen zur gleichen Zeit ihren Ausgang nahm wie die Soziologie. Beide waren das Ergebnis eines Umbruchs in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sowie radikaler Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur. [...] Aber die Beziehung zwischen Frauenemanzipation und Sozialwissenschaft erklärt sich nicht nur aus dem gemeinsamen Ausgangspunkt, sondern war viel direkter: Die humanitären Interessen, die die Anfänge der Sozialwissenschaft bestimmten, sowie die praktische soziale Arbeit eröffneten tatsächlich eine ›Hintertür‹, durch die Frauen ins öffentliche Leben schlüpften.«<sup>10</sup>
</p></blockquote>
<p>
Viola Kleins Interpretation der Zusammenhänge zwischen Frauenbewegung, Feminismus und Soziologie bietet mannigfache Einsichten. Doch trotz dieser Vorarbeiten und beachtenswerter Neuerscheinungen zum Thema Frauen in der Soziologie<sup>11</sup> nimmt die Geschichte der Disziplin von diesen Außenseiterinnen und, wie es scheint, Ausnahmeerscheinungen keine Notiz, weder in der Geschichte soziologischer Theorie noch im Hinblick auf die nicht unbedeutenden Pionierleistungen einiger Forscherinnen am Beginn der empirischen Sozialforschung in Deutschland (eine Ausnahme bildet mit wenigen Hinweisen Horst Kern).<sup>12</sup> Diese Fehlstelle in der Wissenschaftsgeschichte ist weder eine Besonderheit der Soziologie noch überhaupt verwunderlich in Anbetracht der Tatsache, dass Frauen in Deutschland schließlich erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts studieren durften und ihren wissenschaftlichen Karrieren bis heute strukturelle und ideologische Barrieren entgegenstehen. Wenn ich gleichwohl einen großen Bogen schlage von den Anfängen der Soziologie bis in die Gegenwart, so geht es mir darum, noch einmal zu begründen, warum die kritischen Interventionen von Frauen sowie feministische Perspektiven in der Soziologie gerade auch für die Analyse der Gegenwartsgesellschaft Beachtung verdienen. In seinem Beitrag <i>Die Juden und die Soziologie</i> von 1961 reflektiert René König darüber, warum gerade jüdische Gelehrte »in allen Ländern einen hervorragenden Beitrag zur Entwicklung der Soziologie [...] geleistet haben«. Er erklärt »die besondere Affinität des jüdischen Gelehrten zur Soziologie« aus der erzwungenen soziokulturellen Randstellung, die zur »Freiheit der Distanz« gewendet »zu einem Wissen eigener Art kulminiert«.<sup>13</sup> Der Vergleich trifft auch für Frauen und bei jüdischen Wissenschaftlerinnen in doppelter Weise zu. Doch dass das Ausgeschlossen sein, das Gefühl des Fremdseins, die erzwungene Distanz in besonderer Weise zur Wahrnehmung sozialer Differenzierung und Ungleichheit befähigen und die soziale Kritik an den angeblich natürlichen Gegebenheiten als Machtverhältnisse entlarvt, ist ohne Zweifel eine besondere Befähigung, ›situiertes Wissen‹ zu produzieren und im Nachdenken über die eigene Situation bis an die Wurzeln der Existenz, das heißt, radikal neu zu denken.
</p>
<p>
Im Folgenden kann ich nur beispielhaft vorgehen, weshalb meine Auswahl angesichts einer beachtlichen Zahl möglicher Referenzen und Autorinnen willkürlich erscheinen mag. Den ›roten Faden‹ bilden die Diskurse über die Geschlechterdifferenz, die als genuin soziologische Fragestellungen um die Kontext- und Konstruktionsbedingungen der Geschlechterungleichheit kreisen und bei denen es im Kern immer wieder um die Prozesse der Arbeitsteilung und zunehmender sozialer Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaften geht. Arbeitsteilung nicht nur im Sinne August Comtes, der davon ausging, dass sie zwangsläufig zur Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts führe, sondern der soziologischen Spezifizierung bei Émile Durkheim folgend, wonach Arbeitsteilung nicht nur ein ökonomisches Phänomen, sondern als Voraussetzung und »Quelle der organischen Solidarität« zu verstehen ist:</p>
<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Das Ideal der menschlichen Brüderlichkeit [sic!] kann sich nur in dem Maße erfüllen, in dem die Arbeitsteilung fortschreitet. [...] Wenn die Arbeitsteilung aber die Solidarität erzeugt, so nicht nur darum, weil sie aus jedem Individuum einen Austauschpartner macht, wie die Ökonomen sagen. Sie erzeugt unter den Menschen vielmehr ein ganzes System von Rechten und Pflichten, das sie untereinander dauerhaft bindet.«<sup>14</sup></p></blockquote>
<p>
<br><h2>
Jenny P. d’Héricourt als Opponentin von Auguste Comte</h2>
Meine erste Protagonistin, mit vollem Namen Jeanne-Marie-Fabienne Poin- sard (1809–1875), die sich später das Pseudonym d’Héricourt zulegte, ist eine bisher »weitgehend unbekannte Denkerin«, so Caroline Arni und Claudia Honegger, auf deren Grabungsarbeiten ich mich im Folgenden stütze.<sup>15</sup> D’Héricourt bezeichnete sich selbst als » lle de mon siècle« – als Tochter ihres Jahrhunderts –, denn sie war geprägt von den sozialen und politischen Bewegungen des Frühsozialismus, des Saint-Simonismus und beteiligte sich aktiv, literarisch und politisch, am frühen Feminismus in Frankreich um die 1848er Revolution. Da es formal für sie auch in Frankreich keine Zulassung zum Medizinstudium gab, machte sie zunächst ein Diplom in homöopathischer Medizin und ließ sich später zur Hebamme ausbilden. Sie veröffentlichte 1844 anonym einen sozialkritischen Roman und publizierte ab 1847 im Presseorgan der Kommunisten <i>Le populaire</i> sowie in der feministischen Zeitschrift <i>La voix des femmes</i>. Als die 1848er Revolution auch in Frankreich scheitert und mit dem Zweiten Kaiserreich erneut die Reaktion siegt, ist sie nicht bereit, sich darin einzurichten, vielmehr fordert sie die »modernen Denker/Neuerer« – »Michelet, Proudhon, Comte [...]« – zu einem öffentlichen Disput über deren Gesellschaftstheorie und Geschlechterphilosophie heraus. Die <i>Revue philosophique et religieuse</i>, eine linksliberal protestantische Zeitschrift in Paris sowie die norditalienische Zeitschrift <i>La Ragione</i> in Turin eröffnen ihr in den 1850er Jahren ein Forum, in dem sie ihre Kritik an den Größen der Zeit über Frankreichs Grenzen hinaus formulieren kann, unter anderem an Auguste Comtes <i>Katechismus der positiven Religion</i><sup>16</sup> oder an Pierre Joseph Proudhons dem Vordenker der westeuropäischen Arbeiterbewegung und dessen Denkschrift <i>Was ist Eigentum?</i> <sup>17</sup> D’Héricourt argumentiert klug, oft ironisch und sarkastisch, weil anders der männliche Chauvinismus offenbar nicht zu bewältigen war, und versteht es, sich in den zeitgenössischen Debatten als Intellektuelle Gehör zu verschaffen. Sie zitiert und analysiert die misogynen Doktrinen ihrer Gegner, die den Geschlechterdualismus und die Abwertung der Frau als Wissenschaft betreiben, um sie sowohl in naturwissenschaftlicher Perspektive (im Diskurs über Biologie, Körper und Hirn der Frau) als auch mit ihrer beharrlichen Analyse der sozialen Dimensionen des Geschlechterverhältnisses gründlich zu widerlegen. Proudhon lässt sich zunächst auf mehrere ebenso überhebliche wie seine Kritikerin degradierende Antworten ein, um im Weiteren den Disput zu verweigern mit dem Argument, die Auseinandersetzung mit einer Frau in der Öffentlichkeit nur noch über einen männlichen Vertreter führen zu wollen.<sup>18</sup></p>
<p>
Die Befreiung der Frau und ihre rechtliche Gleichstellung war für d’Héricourt nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern die logische Konsequenz des revolutionären Erbes. Denn sie war eine Aufklärerin, die für die Einlösung der Prinzipien der Französischen Revolution, für individuelle Freiheit und soziale Gleichheit, gegen die konservative Reaktion eintrat. Bemerkenswert ist, dass d’Héricourt nicht ›nur‹ die Rechte von Frauen einklagt, sondern die Forderung nach rechtlicher und sozialer Gleichstellung der Frauen gesellschaftstheoretisch, d. h. soziologisch und rechtsphilosophisch begründet.<sup>19</sup> Als frühe soziologische Denkerin und intelligente Kritikerin der zeitgenössischen, auf der Dualität der Geschlechter beruhenden Gesellschaftstheorien widerlegt sie ausführlich die Sozialphilosophen ihrer Zeit, allen voran Auguste Comte, seine Klassifizierungen nach Kaste, Klasse oder Geschlecht und die von ihm analog zur Naturwissenschaft begründeten Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung. D’Héricourt beharrt darauf, dass die Differenz der Geschlechter kein Naturgesetz sei, sondern Folge einer gesellschaftlichen Ordnung, erfundener Vorurteile, einer fehlgeleiteten Erziehung und sozialen Praxis, die dazu diene, »eure Privilegien zu bewahren« – »die traurigen Produkte eures Egoismus, eurer grässlichen Herrschsucht«.<sup>20</sup> Comte war es, der zur Bezeichnung der neuen Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft in seinen <i>Cours de philosophie positive</i> (1838) für seine »soziale Physik« den Begriff »Soziologie« erfand. Im System der Wissenschaften, das er in drei Stadien der Erkenntnis einteilte, sollte die Soziologie als letztes krönendes Stadium die Gesetzmäßigkeiten der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung erklären und als positive Wissenschaft die Grundlagen für menschlichen Fortschritt liefern. Konstitutiver Bestandteil dieser Gesellschaftsordnung aber war eine Geschlechterordnung, die die Unterordnung und Minderwertigkeit der Frau zu deren Natur und Bestimmung erklärte und darin – für Generationen von Wissenschaftlern, nicht zuletzt Soziologen, beispielhaft und im Hinblick auf die Geschlechterfrage unwidersprochen – begründete, warum die »chimärischen, revolutionären Reden über die angebliche Gleichheit der Geschlechter« wissenschaftlich unhaltbar seien, und warum »die unvermeidliche, natürliche Unterordnung des Weibes unter den Mann« auch in einer dem menschlichen und gesell- schaftlichen Fortschritt huldigenden »positiven« Wissenschaft »ernstlich nicht zu bestreiten« wäre:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Die einzig möglichen Resultate eines sinnlosen Kampfes gegen die Naturgesetze, der auf Seiten der Frauen neue unwillkürliche Beweise ihrer eigenen Inferiorität liefern würde, könnten nur darin bestehen, ihnen, unter schweren Störungen der Familie und der Gesellschaft, die einzige Art Glück zu versagen, die für sie mit der Gesamtheit dieser Gesetze vereinbar ist.«<sup>21</sup></p></blockquote>
<p>
Es handelt sich in den beliebig zu erweiternden Zitaten nicht nur um Randbemerkungen eines lediglich konservativen, gegen die Folgen der Französischen Revolution argumentierenden Zeitgenossen, sondern um zentrale Aussagen bürgerlicher Gesellschafts- und Geschlechtertheorie. Dies zeigt sich an dem systematischen Stellenwert, den die Familie als Grundlage der sozialen Ordnung gerade in der krisenhaften Entwicklung der modernen bürgerlichen Gesellschaft fortan in der Soziologie als ›Krisenwissenschaft‹ einnehmen wird.<sup>22</sup> Für Comte ist die Familie, der soziale Ort, die Aufgabe und die Arbeit der Frauen, das »unerlässliche Mittelglied zwischen dem Begriff des Individuums und [...] dem der Gesellschaft«. Diese Familie ist durch »vollkommene Innigkeit« gekennzeichnet und setzt in den menschlichen Beziehungen »gewisse Ungleichheiten« und ihre »unerlässliche Unterordnung«<sup>23</sup> voraus. Damit aber wird ihre Ordnung aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgelöst und verschwindet auch in der Soziologie in einem Séparée als rechtsfreier Raum und unsoziale Natur. D’Héricourt hingegen besteht darauf, dass Sozialität/Gesellschaftlichkeit unmittelbar durch Individuen, ohne gesetzliche Vormünder, konstituiert wird, die individuell verschieden sind, aber in der Gesellschaft gleiche Rechte und Pflichten haben. Denn Frauen sind Individuen, sind Menschen, »so bescheiden/unscheinbar sie sein mögen«.<sup>24</sup> Sie wirft Comte daher vor, »die Frauen zu annullieren«<sup>25</sup> – und dieser Vorwurf trifft die meisten ihrer gelehrten Zeitgenossen sowie das geltende Recht, man vergleiche nur die Bestimmungen im französischen <i>Code civil</i> oder des englischen <i>Common Law</i> (siehe Kap. 4). Wohl seien die Menschen untereinander, Männer und Frauen, individuell verschieden, so d’Héricourt, doch die Klassiffizierung in unterschiedliche Gruppen und ihre Hierarchisierung – sie erwähnt Kasten und Klassen, Weiße und Schwarze, Herren und Sklaven, Frauen und Männer – seien »Irrtümer des Geistes« und Anlass größten Elends, »der Unterdrückung, Ungerechtigkeit und größter Grausamkeit auf der einen Seite«, führten andererseits zu List, Niedertracht und Rache.<sup>26</sup> Die gegen Frauen immer wieder vorgebrachten Minderwertigkeiten aber seien die Folge falscher Erziehung, ungerechter Sitten und Gesetze, Produkt sozial ungleicher Bedingungen. Dagegen ist d’Héricourt fest davon überzeugt, dass unterschiedliche Anlagen und Fähigkeiten sowie die zunehmende Arbeits- und Aufgabenteilung eine soziale Kraft (<i>force sociale</i>)<sup>27</sup> und gesellschaftlich unentbehrlich seien. Denn der gesellschaftliche Fortschritt, den die Autorin uneingeschränkt bejaht, weil er Motor des sozialen Wandels und einer besseren Stellung der Frauen sei, erfordere eine andere soziale Moral, sei auf Kooperation und solidarische Beziehungen gerade zwischen Männern und Frauen, angewiesen, die Rechte und – ihr Korrektiv – die Pflichten aller Individuen berücksichtigen, anerkennen und zusammenführen.</p>
<p>
In ihrem zweibändigen Hauptwerk <i>La Femme affranchie</i> (Die befreite Frau) aus dem Jahr 1860, einem brillanten und souveränen Resümee all ihrer Vorarbeiten, wird im ersten Band die Auseinandersetzung mit den Doktrinen ihrer Zeitgenossen systematisch dokumentiert und zu einer kritischen Gesellschaftstheorie weiterentwickelt. In der Form fiktiver Dialoge sowie in direkter Rede an die Leser_innen gewandt werden die vielfältigen Begründungen für die Minderwertigkeit der Frau in den jeweiligen Disziplinen, von der damals vielfach zu Hilfe genommenen Phrenologie, der Hirnforschung, bis zur Gesellschaftslehre, im Einzelnen ad absurdum geführt. Der zweite Band enthält darauf aufbauend eine fundierte Rechtskritik, die neben der detaillierten kritischen Kommentierung aller Frauen diskriminierenden Bestimmungen des französischen <i>Code civil</i><sup>28</sup> eine – wir würden heute sagen – feministische Rechtstheorie enthält. Ihr Ausgangspunkt sind die Rechte jedes Menschen, ihr Kern ist das Prinzip der Gleichheit der Geschlechter – im emphatischen Sinne der Aufklärung und als politischer Auftrag. Danach ist »Recht der legitime Anspruch jedes Menschen, seine Fähigkeiten (frei) zu entwickeln und anzuwenden [...] in den Grenzen der Gleichheit und den gleichen Pflichten gegenüber anderen.«<sup>29</sup> Denn Rechtspflichten sind für sie die andere Seite (das Korrelat) des Rechts zur Ausübung unserer Fähigkeiten in einer Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit gegründet ist. »Die Freiheit (aber) ist nicht die Macht, alles tun zu können, was man will oder fähig ist zu tun; die Freiheit ist die Ausübung der Fähigkeiten in den Grenzen der Gleichheit [... ]<sup>30</sup> – dies ist der Entwurf zu einer verbindlichen kollektiven Moral, einer feministischen Rechtsphilosophie, die unerhört zeitgemäß ist und auch noch die Probleme der Gegenwart trifft. Sie geht aus von der Verschiedenheit der »Individuen« (das ist ihr geschlechtsneutraler Begriff), die über Kooperation und Austauschbeziehungen Gleichheit und Gerechtigkeit stiften und in einem gerechten, ausgewogenen Verhältnis die Rechte <i>und Pflichten</i> von Frau <i>und</i> Mann verhandeln.<sup>31</sup></p>
<p>
In diesen Anfängen der Soziologie, als es der neuen Disziplin im Wissenschaftssystem darum gehen musste, Anerkennung zu finden,<sup>32</sup> erfolgte die Grenzziehung zwischen Autoren und Kritikern, Wissenschaft und sozialer Praxis, zwischen den Denktraditionen der Aufklärung und Gegenaufklärung, aber auch zwischen Männern und Frauen. Und auf diesem noch nicht markierten Neuland zwischen Philosophie, politischer Ökonomie, sozialer Politik und ›Gesprächen am Damentisch‹ stellt sich die Frage, wer mehr Wissenschaftlichkeit beanspruchen kann: Diejenigen, die als Wissenschaftler in ihrer notorischen Polemik gegen Frauen in der Wissenschaft entweder unverblümt ihre Misogynie entlarven und einseitig ihre Geschlechtsinteressen vertreten bzw. sich des Problems durch Mystifizierung oder Romantisierung entledigen,<sup>33</sup> oder diejenigen, die mit den Mitteln all ihrer Vernunft ebenso unerhört wie engagiert ihren sozialen und rechtlichen Status als Gleiche und Gefährtinnen reklamieren?</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>»Mit einer falschen Moral, das Recht negierend, können Sie die Gesellschaft nicht auf glückliche Weise organisieren. [...] Denn sie [die Frau] kümmert sich nicht mehr um Anbetung, sie will Respekt und Gleichheit. Sie will ihren Verstand und ihre Tatkraft ohne Fesseln in Wirkungsbereichen entfalten können, die ihren Fähigkeiten entsprechen. [...] Durch die Arbeit des Krieges hat sich das Patriarchat konstituiert, in der friedlichen Arbeit hat sich die Leibeigenschaft emanzipiert; es ist ebenfalls <i>durch die Arbeit</i>, dass die Frau ihren Anspruch auf die bürgerlichen Rechte erhebt.«<sup>34</sup></p></blockquote>
<p>
Noch bevor sich die Soziologie als Fachdisziplin für ›das Soziale‹, für die sozialen Beziehungen und das soziale Handeln leitenden Normen als Gegenstand, als <i>faits socials</i>, profilieren konnte, hat Jenny P. d’Héricourt mit ihrer deutlichen Positionierung der Frau als gleichberechtigtes und gleichverpflichtetes Individuum darauf insistiert, dass die moderne Gesellschaft auf Solidarität und Sozialität gegründet und angewiesen ist. Vor Emile Durkheim, der angesichts der Differenzierungsprozesse in der modernen Gesellschaft das Konzept der »organischen Solidarität« entwickelte, um damit das für den sozialen Zusammenhalt unentbehrliche Ensemble von gemeinsamen Wertvorstellungen, Regeln und gesellschaftlichen Erwartungen zu beschreiben,<sup>35</sup> hat d’Héricourt früher und dezidierter als die ›Klassiker der Soziologie‹ Antworten auf die Geschlechterproblematik in der bürgerlich liberalen Gesellschaft gefunden. Sie hat damit einen innovativen und anschlussfähigen Beitrag zur Gesellschaftstheorie geleistet. Das Problem ist nur, dass dieser Beitrag in der Disziplin nicht zur Kenntnis genommen oder wieder vergessen wurde.</p>
<p><br>
<h2>Pionierinnen der empirischen Sozialforschung um 1900</h2>
Im folgenden Abschnitt soll es um die Gruppe von Sozialforscherinnen gehen, deren bahnbrechende Arbeiten Viola Klein in ihrer wissenssoziologischen Studie über Weiblichkeitstheorien an der Wegkreuzung zwischen Sozialreform, Frauenbewegung und Sozialwissenschaften erwähnt.<sup>36</sup> Mit der Hinwendung zur Frauenfrage als sozialer Frage hatte die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ja nicht nur die Durchsetzung ihrer Eigeninteressen, Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung zum Ziel, sondern sah ihre Aufgabe als soziale und politische Bewegung darin, an der gesellschaftlich notwendigen Reform und neuen Formen gesellschaftlicher Solidarität zwischen den Geschlechtern und Klassen mitzuwirken. Deshalb engagierten sich die Frauen in sozialen Projekten, die anders als die bisherige Armenfürsorge oder philanthropische Wohltätigkeit Hilfe zur Selbsthilfe, berufliche Bildung, Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und Rechtsberatung boten. Der wichtigste und nachhaltigste Beitrag war die Professionalisierung der sozialen Arbeit, in der sie Mitgefühl und Fürsorglichkeit auf eine wissenschaftliche Grundlage stellten. Alice Salomon war hier für Deutschland die entscheidende Wegbereiterin, wie Jane Addams für die USA, die durch die Einrichtung von sozialen Frauenschulen und Akademien für soziale und pädagogische Frauenarbeit internationale Standards setzte.</p>
<p>
Auf der anderen Seite waren da die Bemühungen und Kämpfe um Frauenbildung, um Zugang zu Wissen zu erlangen, um Aufklärung der Ursachen sozialen Elends und gesellschaftlicher Konflikte, die erst zur Mitwirkung befähigten. <i>Wissen ist Macht</i> lautete der Wahlspruch der bürgerlichen Frauenbewegung, <i>Savoir pour prévoir</i> hatte Comte das Motiv für seine neue Wissenschaft von der Gesellschaft, der Soziologie, formuliert. In dieser Zielsetzung nun trafen sich die Sozialreformer des 19. Jahrhunderts mit engagierten Frauen, deren Interesse den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen galt. In Deutschland war es der <i>Verein für Sozialpolitik</i>, ein Zusammenschluss führender Gelehrter, Nationalökonomen und Staatswissenschaftler, neben bürgerlichen Interessenten und Experten, der 1873 gegründet mit einer Fülle von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, Gutachten und Enqueten »die für Staat und Gesellschaft dringende Aufgabe der friedlichen Reform« in Angriff nahm.<sup>37</sup></p>
<p>
Diese sogenannten »Kathedersozialisten« waren es auch, allen voran Gustav Schmoller und Lujo Brentano sowie Max Sering und Heinrich Her- kner, Gustav Cohn, die die Beteiligung von Frauen vor der Zulassung zum Frauenstudium als Autodidaktinnen und in privaten Studien begrüßten, gar beförderten und ihnen ihre Publikationsorgane öffneten. So hatte Gustav Schmoller in dem von ihm edierten <i>Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft</i> eine euphorische Besprechung von Beatrice Potter-Webbs Arbeit über die britische Genossenschaftsbewegung veröffentlicht. Beatrice Webb galt nicht nur in Deutschland fortan als Pionierin und Vorbild empirischer Sozialforschung von Frauen.<sup>38</sup> Schmoller erkannte auch die Begabung der Autodidaktin Elisabeth Gnauck-Kühne und vermittelte ihr 1895 die erste persönliche Erlaubnis zum Universitätsstudium. Ihre empirische Studie <i>Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenfabrik</i>, in der sie – dem Vorbild Beatrice Webbs und Paul Göhres folgend – verdeckte teilnehmende Beobachtung mit der Auswertung von Statistiken und Expertenbefragungen verband, erschien 1896 in Schmollers Jahrbuch.<sup>39</sup> Damit und mit ihrem ersten Auftreten als Frau und Rednerin auf dem Evangelisch-Sozialen Kongress begründete sie ihren Ruf als »die erste deutsche Sozialpolitikerin großen Stils«<sup>40</sup> und führende Sozialexpertin. Auch Gertrud Dyrenfurths Arbeit über die Heimarbeiterinnen in der Berliner Wäscheindustrie entstand als private Forschungsarbeit in diesem Kontext.<sup>41</sup></p>
<p>
In welch besonderer Weise die Nationalökonomie, vor der Etablierung der Soziologie als die für die soziale Frage zuständige Disziplin, Frauen nicht nur Zutritt gewährte, sondern geradezu ermutigte und förderte, wird aus der oft zitierten Antrittsrede Heinrich Herkners, eines Schülers von Lujo Brentano, deutlich, der 1899 nach Zürich berufen wurde. Erscheint schon die Tatsache erstaunlich, dass ein junger Professor seiner Zeit (1863–1932) das akademische Ritual einer Antrittsvorlesung unter das Thema <i>Das Frauenstudium in der Nationalökonomie</i> stellt, so verblüffen seine weitreichende Kenntnis und die Wertschätzung von Frauenstudien gleichermaßen. In seinem Überblick über die »ungewöhnlichen Erfolge« nationalökonomischer Studien von Frauen, der heute genauso gut einem Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung die Stichworte vorgeben könnte, beginnt er mit den Engländerinnen, unter anderem mit Harriet Martineau sowie Harriet Taylor-Mill, der Ehefrau von John Stuart Mill, und würdigt ausführlich Beatrice Webb, deren Arbeiten »durch Anmut und Glanz der Darstellung, Schärfe der Beobachtung, Sammlung und Sichtung des Stoffes, Weite des Blicks und Tiefe der Gedanken« ausgezeichnet seien.<sup>42</sup> Für Deutschland werden unter anderem die bereits erwähnten Arbeiten von Gnauck-Kühne und Dyrenfurth genannt. Und selbst wenn man erkennt, dass sein Plädoyer für Frauen in der Wissenschaft nicht frei von Geschlechtstypisierungen war, weil »Frauen die Kenntnis von Tatsachen ermitteln, die männlichen Forschern zweifellos verborgen geblieben wären«<sup>43</sup>, so ist schon allein die rhetorische Frage: »Warum sollten die sozialen Zustände, die Mann und Frau betreffen, immer nur im Spiegel des männlichen Geistes aufgenommen werden?«<sup>44</sup> ein Zeichen von Einsicht und Vorurteilslosigkeit, die – wäre sie seither Common Sense unter den Vertretern der Wissenschaften gewesen – Frauenbewegung und Frauenforschung viele Kämpfe erspart hätte.</p>
<p>
Aus der Schar der frühen Sozialwissenschaftlerinnen, die beispielhaft für ihren Ansatz und innovative Methoden steht, möchte ich Rosa Kempf (1874–1948) herausgreifen. Sie gehört schon zu der Generation von Nationalökonominnen, die nach 1900 offziell Zugang zum Universitätsstudium erhielten, wenn Kempf auch erst nach 15-jähriger Berufstätigkeit als Volksschullehrerin ihr Studium in München bei Lujo Brentano aufnahm. Kempfs Studie <i>Das Leben der jungen Fabrikmädchen</i> in München war eine von vier Dissertationen von Frauen, die um 1910 im Rahmen eines Seminars bei Brentano geschrieben wurden.<sup>45</sup> Es war eine sehr umfangreiche und sorgfältig bearbeitete empirische Untersuchung, die sich Rosa Kempf zum Ende ihres Studiums vornahm und an der sie etwa drei Jahre arbeitete. Sie untersuchte den Arbeits- und Lebenszusammenhang von 270 in einer Fabrik arbeitenden Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, befragte sie über ihre Lebensverhältnisse, beruflichen Erfahrungen, Ambitionen und Träume und hat darüber hinaus die soziale und wirtschaftliche Lage ihrer Familien, die Familienstruktur sowie Lebenshaltung und die Lohnverhältnisse der Familienmitglieder sorgfältig untersucht. Auf die Erkundung der beiden Seiten des weiblichen Lebenszusammenhangs kam es ihr an, nicht nur auf die Arbeitsbedingungen – der Ort, der in der zeitgenössischen Literatur ohnehin als unpassend für Mädchen und Frauen betrachtet wurde –, sondern auf die Lebensverhältnisse, aus denen die Mädchen kamen, das Milieu, und wie sie diese Bedingungen subjektiv verarbeiteten. Dies war auch die inhaltliche Stoßrichtung der <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung [...] der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie</i>, die Max Weber und sein Bruder Alfred Weber von 1909 bis 1912 im Verein für Sozialpolitik leiteten.<sup>46</sup> Kempf gewann ihr Sample im Schneeballsystem mithilfe ihrer guten Kontakte als Lehrerin zur Münchener Schulverwaltung, mit Unterstützung der Gewerkschaften und durch den Besuch in gewerblichen Fortbildungsschulen. Sie schichtete die Teilnehmerinnen ihrer Untersuchung sorgfältig nach Alter, Stand, Beruf und Erwerbstätigkeiten der Eltern sowie der Zahl der Geschwister und arbeitete selbst, ebenso wie Gnauck-Kühne, verdeckt, zum Teil mit Wissen der Fabrikbesitzer, in mehreren Fabriken, »um den Ton kennen zu lernen, der in den Fabriken unter den Arbeitenden herrscht, ein Et- was, das man auf keinen Fall erfragen, sondern nur miterlebend empfinden kann«.<sup>47</sup> Sie betonte, wie wichtig »die persönliche Fühlungnahme« war. Nur »durch freundlichen Kontakt von Mensch zu Mensch« und »bei den Hunderten von Besuchen in den Arbeiterfamilien« gelang es ihr, jene »Details« zu erfahren, die über das hinausgehen, »was ein einzelner um solch theoretischer Erkenntnisse willen anderen Menschen mitzuteilen geneigt ist«<sup>48</sup>, ein Vorgehen, das ihr im Gegensatz zu anderen Untersuchungen des <i>Vereins für Sozialpolitik</i> einen hohen Rücklauf auf ihre Befragung sicherte. Ungewöhnlich und innovativ war ihr methodisch reflektiertes und kontrolliertes Vorgehen, die Vielfalt an qualitativen Erhebungsmethoden, ein Mix aus teilnehmender Beobachtung, leitfadengestützten, narrativen Interviews mit jungen Mädchen und deren Eltern sowie Experteninterviews mit älteren erfahrenen Arbeitnehmer_innen und mit Arbeitgebern. Ferner recherchierte sie die Wohnungsverhältnisse, Lebenshaltungskosten und Speisezettel, den Wäschevorrat und Kleiderbesitz der jungen Mädchen und verglich ebenso akribisch deren Lohnlisten und Haushaltsbudgets mit amtlichen Statistiken. Schließlich forderte sie die jungen Mädchen auf, kleine Aufsätze über ihre Gedanken, Wünsche und Nöte zu schreiben. Einige typische Äußerungen ließ sie am Ende der Studie zu Wort kommen.<sup>49</sup></p>
<p>
Auffällig im Vergleich zu anderen Sozialforscher_innen ihrer Zeit ist, wie nüchtern, ja, modern – bei aller Empathie für das Schicksal der einzelnen – Kempf die Berufsarbeit der Frauen und Mädchen bewertete. Sie sah die Lösung der ›Frauenfrage‹ nicht in der Einschränkung oder Abschaffung mütterlicher Erwerbsarbeit, sondern in der Gleichberechtigung der Frauen, deshalb auch in der besseren, gewerblichen Ausbildung der Mädchen und in gleichen Löhnen. Ihrer Meinung nach lagen die Probleme im Kinderreichtum und der höheren Belastung der weiblichen Mitglieder der Familie, der Mütter und Töchter, die nicht nur ein mehr an Hausarbeit, sondern auch einen unentbehrlichen Teil zum Familienunterhalt beitrugen. Auch mit ihrer Kritik an den patriarchalischen Vorrechten und zum Beispiel am Mehrverbrauch der Männer hielt sie sich keineswegs zurück. Darüber entstand in den Presseorganen der Frauenbewegung, zu der Kempf sich zugehörig fühlte, eine hitzige Debatte. Eine Rezensentin warf ihr vor, zu sehr Frauenrechtlerin zu sein, worauf Kempf scharf reagierte und meinte, wer die Frauen in gottgewollter Abhängigkeit vom Manne halten wolle, falle damit der gesamten Frauenbewegung in den Rücken.<sup>50</sup></p>
<p>
Neben Marie Bernays Untersuchung über die Gladbacher Spinnerei und Weberei,<sup>51</sup> deren Studie oft als einzige erwähnt und bezeichnenderweise als »die einfallsreichere und besonders fleißige« Untersuchung gelobt wird,<sup>52</sup> war Rosa Kempfs Studie eine der wenigen erfolgreichen Teiluntersuchungen der von Alfred und Max Weber im <i>Verein für Sozialpolitik</i> groß angelegten <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie</i> (1909–1912). Denn beide waren mit den Ergebnissen der übrigen, mehrteiligen und voluminösen Schriften der anderen Forscher nicht zufrieden. Herkner, der in einer Vereinssitzung die beiden Frauenstudien als die ergiebigsten hervorhob, kritisierte diejenigen, die »angesichts des Vorgehens und Erfolgs von Kempf immer noch glaubten, es genüge einige 100 oder 1000 Fragebögen zu beziehen und diese durch gewerkschaftliche Vertrauensmänner austeilen zu lassen. So leicht aber sind die Früchte sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nicht zu pflücken«.<sup>53</sup></p>
<p>
Kern resümiert diese Phase der empirischen Sozialforschung mit der Feststellung, wie bedeutsam es sei, »dass damals beachtenswerte, inhaltliche und methodische Innovationen auch durch ›wissenschaftliche Außenseiter‹ und nicht durch professionelle Sozialforscher zustande kamen«.<sup>54</sup> Die insgesamt enttäuschenden Ergebnisse der <i>Untersuchungen über Auslese und Anpassung</i> waren der Anlass zu einem Methoden- und Paradigmenwechsel in der Soziologie mit einem neuen Verständnis von ›objektiver‹ oder ›reiner Wissenschaft‹. »Wir wollen also als Soziologen uns nur beschäftigen mit dem, was ist, und nicht mit dem, was nach irgendwelcher Ansicht, aus irgendwelchen Gründen <i>sein soll</i>«<sup>55</sup> – eine Debatte, die als erster Werturteilsstreit in die Geschichte der Soziologie eingehen sollte. Der Paradigmenwechsel in der Soziologie, der mit der Gründung der <i>Deutschen Gesellschaft für Soziologie</i> 1910 vollzogen wurde, beinhaltete, »dass die Gesellschaft jede Propaganda praktischer Ideen in ihrer Mitte grundsätzlich und definitiv ablehnt«.<sup>56</sup> Das heißt, die Abkehr von der wissenschaftlich begründeten Sozialreform hin zu einer Theorie von Gesellschaft, in der die empirische Sozialforschung vorerst keine Rolle spielen sollte (allenfalls in der Pädagogik oder Psychologie), hat dazu beigetragen, dass die Arbeiten dieser Pionierinnen empirischer Sozialforschung in der Geschichte der Soziologie verschwunden sind bzw. keine Rezeption erfahren haben. Verstärkt wurden die Barrieren für wissenschaftliche Karrieren von Frauen an der Universität daher durch die für Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern typische Profilierung der Soziologie als theoretische Disziplin, während die Hinwendung zur Praxis als Abwen- dung von der Wissenschaft interpretiert wurde.<sup>57</sup> Ein anderer Grund lag aber auch darin, dass die wissenschaftlichen Karrieren selbst der in ihrer Zeit so anerkannt erfolgreichen Frauen an den deutschen Universitäten keine Fortsetzung fanden, dass die Ausschlussmechanismen selbst unter den wohlwollenden ersten Förderern reibungslos funktionierten. Marie Bernays, die als Lieblingsschülerin Max Webers galt, hatte wiederholt vergeblich versucht, sich zu habilitieren, und scheiterte mit diesem kühnen Gedanken nicht zu- letzt an der kritischen Intervention von Marianne Weber.<sup>58</sup></p>
<p>
Rosa Kempf wurde 1917 Gründungsdirektorin des <i>Frauenseminars für soziale Berufsarbeit</i>, das vom <i>Verein für Gemeinwohl</i> getragen den Grundstein legte zur heutigen Hochschule für Sozialarbeit in Frankfurt. Nach verschiedenen Stationen als Leiterin der Niederrheinischen Frauenakademie in Düsseldorf, nach einem Ausflug in die Politik als Vertreterin der DDP im Bayerischen Landtag, kehrte Kempf 1921 wieder als nebenamtliche Dozentin an das <i>Frauenseminar</i> zurück, das 1924 zu einer staatlichen Wohlfahrtsschule Hessens umgewandelt wurde. Wie viele andere Frauen erhielt sie ab 1933 Prüfungs- und Berufsverbot. Sie starb im Februar 1948 in Darmstadt.</p>
<p>
Eine ganze Reihe von in der Nationalökonomie ausgebildeten Frauen, die alle mehr oder weniger in der Frauenbewegung oder in den 1920er Jahren frauenpolitisch aktiv waren, haben in den Jahren zwischen 1914 und 1933 die Gründung und Leitung von <i>Sozialen Frauenschulen</i> übernommen. In der Bilanz, die Elisabeth Altmann-Gottheiner 1931 über <i>Frauen in der Nationalökonomie</i> zieht, werden die bekanntesten aufgeführt.<sup>59</sup> Sie alle wurden 1933 ihrer Ämter enthoben oder in die Emigration gezwungen. Das gilt insbesondere auch für Alice Salomon, die Wegbereiterin und Pionierin der professionellen Sozialen Arbeit in Deutschland und Begründerin zahlreicher Frauenschulen und ihrer wissenschaftlichen Grundlagen im In- und Ausland. Sie hatte 1925 als Krönung ihrer vielfältigen Funktionen und ihres breiten wissenschaftlichen Werks die <i>Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit</i> in Berlin gegründet. Neben den Angeboten für ein weitgefächertes Hochschulstudium, mit dem sie »den Reichtum all dessen, was an gesicherten Erkenntnissen auf dem sozialen und sozialpädagogischen Gebiet vorhanden ist«<sup>60</sup> an den Nachwuchs weitergeben wollte, richtete sie hier eine Forschungsabteilung ein, in der zum ersten Mal Frauenforschung und empirische Sozialforschung einen institutionellen Rahmen fanden. Von dem groß angelegten interdisziplinären Forschungsprojekt zu »Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart« konnten bis 1933 13 von 27 Untersuchungen beendet und veröffentlicht werden. Die Fortsetzung wurde durch die Auflösung der Akademie durch die Nationalsozialisten jäh unterbrochen, alle jüdischen Lehrkräfte entlassen und verfolgt. Neben dem persönlichen Schicksal, das hier vielfältig zu beklagen ist, bleibt der Verlust an wissenschaftlicher Innovation, Erkenntnis und Kultur, die auch nach der NS-Zeit nicht rezipiert, sondern zunächst ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt wurden.</p>
<p><br>
<h2>Viola Kleins soziologische Dekonstruktion der Geschlechtertheorien</h2>
Viola Klein (1908–1973) ist eine der ersten professionellen Soziologinnen, die theoretisch wie empirisch Herausragendes geleistet hat, deren wegweisende Arbeiten jedoch im deutschen Sprachraum erst noch zu würdigen sind.<sup>61</sup> Sie fehlt in jenem Kreis der von Claudia Honegger wiederentdeckten und vorgestellten »ersten Soziologinnen in Frankfurt«, die um 1930 im Seminar von Karl Mannheim, von Norbert Elias als Assistenten bestens betreut, an ihren soziologischen Doktorarbeiten zu Themen aus der Frauen- und Geschlechterforschung arbeiteten, 1933 ebenso wie ihr Doktorvater fliehen mussten, und deren wissenschaftliche Karrieren erst gar nicht begannen (z.B. Margarethe Freudenthal, Nina Rubinstein, Frieda Elisabeth Haussig oder Gisèle Freund). Dennoch gehört Viola Klein zur gleichen Generation hochbegabter, mit dem Furor wissenschaftlicher Neugier ausgestatteter Frauen, zu denen es sich mit Claudia Honegger zu fragen lohnt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Was wäre gewesen, wenn einige dieser hochbegabten Frauen tatsächlich [...] Professorinnen geworden wären [...] wenn wir sie in den 60ern und 70ern noch hier hätten als Lehrende erleben können, [...] wenn sie uns ihre soziologische Neugierde für alle Bereiche des menschlichen Lebens hätten vermitteln können?«<sup>62</sup></p></blockquote>

<p>
Auch Viola Klein, 1908 in Wien in einer jüdischen bürgerlichen Familie geboren, wurde zur Emigrantin und konnte schließlich in England Fuß fassen. Davor hatte sie bereits moderne Sprachen, Psychologie und Sozialphilosophie zunächst in Wien, dann in Prag und Paris studiert. An der Sorbonne promovierte sie 1936 zum Dr. phil. mit einer Arbeit über <i>Sprache und Stil des Louis Ferdinand Céline</i>. In dieser linguistischen – heute würden wir sagen – dekonstruktivistischen Studie kam sie über die Lektüre von <i>Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus</i><sup>63</sup> in ersten Kontakt mit Karl Mannheim, der 1933 von seinem Frankfurter Lehrstuhl für Soziologie nach England geflohen war und für sie als Mentor sehr wichtig werden sollte.<sup>64</sup> Denn 1938, als die Deutschen Prag und weite Teil der Tschechoslowakei besetzten, floh Viola Klein mit ihrem Bruder nach England, während ihre Eltern zurückblieben und später in einem Konzentrationslager umgebracht wurden. Sie schlug sich zunächst als Hausgehilfin durch, bis sie von der Tschechischen Exilregierung ein Forschungsstipendium erhielt und ermutigt von Mannheim an der London <i>School of Economics</i> (LSE) eine kritische Untersuchung von Geschlechtertheorien in der Wissenschaft durchführte. Ihre damit zweite Dissertation, nun im Fach Soziologie, erschien 1946 als erster Band in der von Mannheim herausgegebenen <i>International Library of Sociology and Social Reconstruction</i> unter dem Titel <i>The Feminine Character. History of an Ideology</i> mit einem Vorwort des Doktorvaters. Dass diese wissenssoziologische Arbeit einer von den Nationalsozialisten vertriebenen Intellektuellen und britischen Soziologin mit ihrer radikalen Kritik der die Wissenschaften beherrschenden Geschlechtertheorien bisher in Deutschland gar nicht rezipiert wurde, ist kaum zu erklären – erst recht nicht, wenn wir diese Arbeit mit Simone de Beauvoirs Buch und Kritik der Weiblichkeitsmythen in <i>Das andere Geschlecht</i> (1949) vergleichen, das drei Jahre später erschien.<sup>65</sup> Man kennt den Namen Viola Klein allenfalls als Mitautorin des gemeinsam mit Alva Myrdal geschriebenen frauenpolitischen Schlüsseltextes der 1960er Jahre <i>Die Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf</i>, der in viele Sprachen übersetzt wurde.<sup>66</sup> <i>The Feminine Character</i> ist zumindest im englischen Sprachraum seit einiger Zeit als Klassikertext früher Frauenforschung wiederentdeckt worden<sup>67</sup> und erschien seither in mehreren englischen Ausgaben.</p>
<p>
Das Buch ist eine kluge und kritische Auseinandersetzung mit den Weiblichkeitstheorien der führenden Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen und zwar wählt Klein jeweils den Repräsentanten einer Disziplin aus, u.a. den Sexualforscher Havellock Ellis, den Philosophen Otto Weininger, den Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud, Mathias und Mathilde Vaerting als Vertreter und Vertreterinnen eines historischen Ansatzes und die Anthropologin Margaret Mead. Klein analysiert und kritisiert deren Theorien zur Geschlechterdifferenz, zu Männlichkeit und Weiblichkeit als wissenschaftliche, gleichwohl ideologische Konstruktionen eines bestimmten historischen und gesellschaftlichen Kontexts. Ihre Untersuchung ist damit ein Musterbeispiel für die von Karl Mannheim in <i>Ideologie und Utopie</i><sup>68</sup> entwickelte Wissenssoziologie und zeichnet sich dadurch aus, dass die Autorin immer wieder die erkenntnistheoretischen und methodologischen Prämissen ihres soziologischen und sozialpsychologischen Vorgehens als situatives Wissen reflektiert. In seinem Vorwort geht Mannheim bezeichnenderweise nicht weiter auf die  Thematik Weiblichkeit und Geschlecht ein, sondern nur auf seine eigene spezifisch soziologische Methode, im Sinne einer integrativen, alle Formen des Denkens einschließenden reflexiven Soziologie, die nicht nur Ideologien, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse und erkenntnistheoretische Prämissen als perspektivisch und standortgebunden versteht. Dieser Ansatz eignet sich auch dazu, wie Klein wiederholt betont, die wirkmächtigen Diskurse über andere marginalisierte Gruppen der Gesellschaft wie »Ausländer, Juden, Schwarze etc.«<sup>69</sup> kritisch zu untersuchen. Dass sie sich dafür entschied, die Voreingenommenheit gegenüber Frauen, den typisch männlichen Bias der neueren wissenschaftlichen Diskurse über Weiblichkeit aufzudecken und zu benennen, begründet sie einerseits damit, dass sich der gesellschaftliche Status der Frau in den letzten 100 Jahren grundlegend verändert habe und die Zeit- und Kontextbedingungen der entsprechenden Geschlechtertheorien besonders offensichtlich seien. Andererseits hebt sie die Relevanz des Gegenstandes hervor, da die Problematik »universell« eine so starke Betroffenheit (<i>ego-involvement</i>) – bei Männern und Frauen – auslöse, dass es schwierig sei, wissenschaftliche Distanz zu wahren.<sup>70</sup></p>
<p>
Um die verschiedenen Weiblichkeitstheorien im Detail aus ihrem gesellschaftlichen und ideologischen Kontext heraus zu dekonstruieren, hat Klein im ersten Kapitel den gesellschaftlichen Hintergrund der neuzeitlichen  eorien zur Bestimmung von Weiblichkeit sowie den sozialen Wandel in den Geschlechterverhältnissen insbesondere seit dem Ersten Weltkrieg herausgearbeitet. Sie erzählt damit nebenbei ein Stück Emanzipationsgeschichte der Frauen in der festen Überzeugung, dass die Entwicklung trotz wiederholter Rückschläge »als praktische Notwendigkeit und in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Trend gesellschaftlicher Entwicklung« nicht aufzuhalten sei.<sup>71</sup> Doch sie diagnostiziert zugleich das Dilemma der modernen Frau, hin und hergerissen zu sein zwischen dem Anspruch auf Gleichheit und der Verteidigung individueller Abweichungen, des Andersseins und der Geschlechterdfferenz. Vor diesem Hintergrund analysiert sie die unzeitgemäßen, historisch mit einem spezfisch bürgerlichen Patriarchalismus belasteten Verblendungen und Ideologien ihrer Protagonisten. So, wenn sie im Kapitel über die Psychoanalyse im Blick auf Freuds Theorien von Männlichkeit und männlicher Sexualität als Norm feststellt:</p>
<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»There is a peculiar irony in the fact that the very theory which was chie y responsible for the more enlightened outlook in matters of sex for the disappearance of Victorian morality should have been tinged with its ideology, particular in its dealing with women.«<sup>72</sup></p></blockquote>
<p>
Freuds Befangenheit in einer streng patriarchalischen Tradition und Kultur, seine Identifikation mit dem Männlichen als allgemein gültige Norm kritisiert Klein mit dem Verweis auf ein langes Zitat von Georg Simmel aus dessen Essay <i>Das Absolute und das Relative im Geschlechterproblem</i>.<sup>72</sup> Simmel hatte in verschiedenen Aufsätzen zu <i>Philosophie und Soziologie der Geschlechter</i> die Verabsolutierung des Männlichen und Abwertung des Weiblichen mit der »Machtstellung der Männer« erklärt und das Verhältnis der Geschlechter mit der Position des Sklaven zu seinem Herrn verglichen. »So gehört es zu den Privilegien des Herrn, dass er nicht immer daran zu denken braucht, dass er Herr ist, während die Position des Sklaven dafür sorgt, dass er seine Position nie vergisst.«<sup>74</sup></p>
<p>
Andererseits gibt Klein zu bedenken, dass Margaret Meads anthropologische Dekonstruktionen der Geschlechterdifferenz, ihr kultureller Relativismus, möglicherweise die Gefahr »demokratischer Sozialplanung« berge und damit, anstatt Emanzipation zu ermöglichen, der Anpassung an männliche Standards, »the gradual admission of women in a man-made society«<sup>75</sup> dienen könnte. Das zeigt, Klein argumentiert vorsichtig, vermeidet Parteilichkeit und lässt ihr Material in Form einer dekonstruktiven Inhaltsanalyse für sich sprechen. Die Situation der Frauen ihrer Zeit interpretiert sie als ambivalent, in sozialpsychologischen Kategorien beschrieben, als Übergangszeit, in der sie mit zwei unvereinbaren Ideologien und Rollenerwartungen konfrontiert sind. Trotz nomineller Gleichberechtigung der Geschlechter wird erwartet, dass sie zwei getrennte Sphären, Familie und Erwerb miteinander vereinbaren. Auch wenn Frauen immer noch Außenseiter_innen sind wie andere von ihr genannte Gruppen, ist Klein gleichwohl zuversichtlich:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»All these groups have a vital interest in the promotion of a humanitarian, universalist outlook, in the abolition of discrimination against people on account of their race, creed, sex, or nationality. If it may be assumed that the general trend of social development goes in the direction of humanism, democracy and internationalism, it may therefore be said that these groups represent a progressive element.«<sup>76</sup></p></blockquote>

<p>
Die prominente Veröffentlichung in der Forschungsreihe von Karl Mannheim hat Viola Klein keineswegs eine akademische Karriere eröffnet, denn aus drei Gründen blieb sie eine Außenseiterin: als Jüdin, als Frau und als eine Wissenschaftlerin, die sich ausdrücklich einer Soziologie der Frau widmete zu einer Zeit, als es keine universitäre Frauen- und Geschlechterforschung gab. Jahrelang schlug sie sich als Übersetzerin im britischen <i>Foreign Office</i> durch, schrieb Artikel und Rezensionen in englischen, deutschen und amerikanischen Zeitschriften. In immer wieder befristeten empirischen Forschungsprojekten zur Situation von Frauen entwickelte sie sich zu einer Expertin empirischer Sozialforschung und Statistik, die sie dank ihrer integrierten interdisziplinären Ansätze kritisch zu deuten verstand. Das Buch <i>Women’s Two Roles: Home and Work</i> erschien 1956 und wurde in viele Sprachen übersetzt, fünf Jahre später auch ins Deutsche unter dem Titel <i>Die Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf</i>.<sup>77</sup> Gegen Ende der 1950er Jahre hatte Klein ihr internationales Renommee befestigt. Als eine von wenigen Frauen war sie Mitglied sowohl in der Britischen als auch Internationalen Gesellschaft für Soziologie, war Mitbegründerin und Herausgeberin des International Journal of Comparative Sociology neben Soziologen wie Richard Titmuss aus England, René König aus Deutschland und Georges Gurvitch aus Frankreich, hielt Vorträge auf internationalen Konferenzen und leitete eine entwicklungspolitische Studie über Arbeiterinnen in 21 Ländern.<sup>78</sup> Doch erst 1964, zwanzig Jahre nach <i>The Feminine Character</i> erhielt sie eine Vollzeitstelle als Dozentin an der Universität von Reading. Sie erlebte noch die Wiederauflage dieses Buches durch die Neue Frauenbewegung und Frauenforschung im Jahr 1971 und starb kurz nach ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1973.</p>
<p><br>
<h2>Die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung im Zuge der Neuen Frauenbewegung</h2>
Angesichts der auch internationalen Vielfalt neuerer feministischer Forschungen zu Politik, Körper, Sexualität, normativer Zweigeschlechtlichkeit sowie zum Kanon von Wissen und Erkenntnis überhaupt, beschränke ich mich an dieser Stelle auf einen zentralen Gegenstand sozialwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren, der in einer genuin soziologischen und zugleich feministischen Tradition steht: Die Erweiterung und Neukonzeption des Arbeitsbegriffs und die Untersuchungen zu den immer noch verfestigten Strukturen der Arbeitsteilung sind ein Beispiel für die Vorreiterrolle feministischer Perspektiven und Interventionen in die Wissenschaft von der Gesellschaft.<sup>79</sup> Nicht zufällig hat die Thematisierung der neuen Problemlagen durch die Frauen- und Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen und globalen Wandel der Erwerbsarbeitsverhältnisse, der privaten Alltagsarbeit und des Verhältnisses von Arbeit und Leben sowie der neuen Vielfalt privater Lebensformen eingesetzt – ein gesellschaftlicher Umbruch, der in gegenwärtigen Gesellschaftsanalysen als zweite Krise der Moderne oder reflexiv gewordene Moderne bezeichnet wird.<sup>80</sup></p>
<p>
Die Kritik der traditionellen Arbeitsteilung, insbesondere an der Abwertung und Unsichtbarkeit der Haus- und Erziehungsarbeit, war am Beginn der 1970er Jahre der Aufhänger politischer Kampagnen, der Motor einer neuen sozialen Bewegung von Frauen weit über das akademische Milieu hinaus und zugleich der Anlass einer expliziten sozialwissenschaftlichen Frauenforschung.<sup>81</sup> Ein neuer, erweiterter Arbeitsbegriff, der alle Tätigkeiten der Pflege, Erziehung und Sorge für andere (<i>Care</i>) umfasst, steht bis heute im Zentrum feministischer Analysen und einer notwendig anderen, nicht nur am Arbeitsmarkt und ihrem Lohn ausgerichteten Sozialpolitik. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat in ihren Untersuchungen zu Frauenerwerbstätigkeit, zur Unvereinbarkeit von Haus- und Lohnarbeit, zu den widersprüchlichen Strukturen im »weiblichen Lebenszusammenhang«<sup>82</sup> nun seit mehr als 40 Jahren einen Perspektivenwechsel in Anbetracht der »Krise der Arbeitsgesellschaft« angemahnt.<sup>83</sup> Nachgerade unüberschaubar ist die Literatur zu Studien und Befunden erst recht im internationalen Rahmen. Es ist die Ambivalenz der Moderne, der doppelten Orientierungen und Wünsche, beides, Arbeit und Leben vereinbaren zu wollen, und die alltäglich erprob- te Praxis der »doppelten Lebensführung«,<sup>84</sup> die Frauen nicht zu Nachzüglerinnen, sondern eher zu Pionierinnen einer neuen modernen Lebensweise macht.<sup>85</sup> Die globalen Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt (Mobilität, Zuwanderung und Flexibilisierung sowie die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse) führten auch zu einer deutlichen Verschiebung der Grenzen zwischen Erwerbs- und Privatleben (›Entgrenzung‹) und einer deutlichen Verschärfung der Ungleichheitslagen.<sup>86</sup> Zugleich baut sich mit der ›Vermarktlichung‹ der Arbeitskraft auch der Frauen insbesondere im Bereich persönlicher Dienstleistungen ein Spannungsverhältnis auf zwischen fürsorglichen Beziehungen bzw. Verantwortlichkeiten im privaten Bereich und beruflichen Verpflichtungen, die eine fürsorgliche Praxis erfordern.<sup>87</sup> Inzwischen haben die weltweiten Verflechtungen und die Umstrukturierungen der Arbeitswelt von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft alle westlichen Gesellschaften eingeholt, sind sie angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt, in der Familie sowie im Hinblick auf die veränderten Anforderungen und Bedürfnisse in Bildung, Erziehung, Gesundheit und Pflege mehr denn je auf persönliche Dienstleistungen angewiesen. In Fortführung dieser Erkenntnisse hat sich in der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung der Begriff <i>Care</i> zur Bezeichnung aller Haushalts-, Erziehungs- und Pflegetätigkeiten inzwischen zu einem Schlüsselkonzept international vergleichender Geschlechter-, Arbeitsmarkt und Sozialpolitikforschung entwickelt (siehe dazu Kap. 9).</p>
<p>
Trotz des seit den 1970er Jahren eingeleiteten kulturellen und sozialen Wandels in den Geschlechterverhältnissen ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach wie vor ein Dreh- und Angelpunkt sozialer Ungleichheit. Die Befunde sind eindeutig, obwohl sie durch Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten zwischen kultureller Modernisierung oder veränderten Geschlechterrollen und der »Persistenz struktureller Ungleichheitslagen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen« verschleiert werden.<sup>88</sup></p>
<p>
So sehr gerade die Soziologie sich in ihren Diagnosen der Krise der Moderne zum Anwalt der Regeln des Sozialen als unverzichtbarem Bindemittel gesellschaftlicher Organisation und Vergesellschaftung gemacht hat, blieb sie doch blind gegenüber dem grundlegenden Mangel an Solidarität und Anerkennung gegenüber Frauen und hat deren Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse marginalisiert oder ignoriert, nicht zuletzt dadurch akademische Karrieren verhindert. Wie an einem nicht abreißenden roten Faden haben die erinnerten Soziologinnen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den permanenten Widerspruch zwischen einer Rhetorik der Gleichheit und der sozial hergestellten Differenz der Geschlechter ins Zentrum ihrer Gesellschaftskritik gestellt. So hat Jenny d’Héricourt bereits 1855 eine Gesellschafts- und Geschlechterordnung gefordert, die notwendig auf wechselseitiger Solidarität und gleichberechtigter Kooperation beruht, weil alle, Männer und Frauen aufeinander angewiesen sind. Mit der Maxime, dass man gesellschaftliche Solidarität nur als »Sorge für sich und andere« (<i>vivre pour soi en vivant pour autrui</i>) formulieren könne,<sup>89</sup> aber hat sie bereits Probleme markiert, die uns in allen Bereichen von Arbeit und Leben auch heute noch beschäftigen. Seien es die innovativen qualitativen Methoden, mit denen Rosa Kempf in ihren empirischen Studien neues Wissen über die Arbeits- und Lebensweise junger Fabrikarbeiterinnen generiert hat, oder Viola Kleins wissenssoziologische Untersuchung der wissenschaftlichen Diskurse über Weiblichkeit und Geschlecht, immer haben die eigenen marginalisierten Erfahrungen als Frau den Forscherinnen selbstreflexiv zugleich als kritische Instanz im Blick auf andere Formen sozialer Ungleichheit und die Achsen der Differenz gedient. Die gegenwärtige Zuspitzung der feministischen Debatte auf Arbeit und Sorge für andere, auf <i>Care</i> als notwendige Bedingung und Bestandteil sozialer Politik heute, zeigt erneut, dass die Geschlechterforschung zentrale Probleme nicht nur geschlechtsspezifischer, sondern internationaler Arbeitsteilung aufgegriffen hat, die über die Zukunftsfähigkeit der sich als demokratisch verstehenden, kapitalistischen Gesellschaften bestimmen werden.</p>
<p>
Wenn die fortschreitende Arbeitsteilung und Differenzierung, wie Durkheim betont, durch ein ganzes System von Rechten und Pflichten notwendig Solidarität, das heißt, gesellschaftlichen Zusammenhalt, erzeugen soll, wird es heute vor allem darauf ankommen, alle Arbeiten und Tätigkeiten, die bezahlten und unbezahlbaren, die Erwerbsarbeit wie die private Alltagsarbeit, insbesondere eben auch die fürsorglichen Tätigkeiten, die auf dem Markt keinen Preis erzielen, im Austausch von Gütern und im Netz sozialer Beziehungen angemessen zu bewerten und unter beiden und mehr Geschlechtern gerecht zu teilen. Vor dem Hintergrund dieser Befunde zur Geschichte der Soziologie ist daher Gertrud Nunner-Winkler zuzustimmen, die in der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 1990 eingerichteten Senatskommission für Frauenforschung die Bedeutsamkeit der Geschlechterforschung im Rückgriff auf Max Weber sehr diplomatisch begründete:</p>

<blockquote class="wp-block-quote"><p>
»Die Frauenbewegung ist Teil und Motor [der] [...] Prozesse einer gesellschaftlichen Veränderung in der Stellung der Frau. Diese Veränderungen, ihre Kosten und möglichen Gewinne sowie die Rolle der Frauenbewegung in diesem sozialen Modernisierungsprozess liefern eine Fülle von Impulsen für empirische Forschung, für neue Konzeptualisierungen und theoretische Deutungsmuster. Die Sozialwissenschaften sind gut beraten, solche Impulse [...] aufzunehmen und fruchtbar zu machen, also wie Weber sagt: ›Standort und Begriffsapparat zu wechseln‹ und ›jenen Gestirnen (nachzuziehen), welche allein ihrer Arbeit Sinn und Richtung zu weisen vermögen‹.«<sup>90</sup></p></blockquote>
<br><br><br>
<a href="https://ute-gerhard.de/wp-content/uploads/2020/11/FeministischePerspektiven.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">➜ Fußnoten siehe PDF</a><br><br>
</div>-->



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
